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Wahl in Griechenland : Aus der Talsohle

Auf ihm ruhen die Hoffnungen vieler Griechen: Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis Bild: AFP

Griechenland findet langsam aus der Krise, Ministerpräsident Alexis Tsipras profitiert davon nicht. Viele Griechen sind begeistert von den Versprechungen des Oppositionsführers Kyriakos Mitsotakis.

          Gewöhnlich stürzen Kriege Gesellschaften in eine Verarmung, wie sie Griechenland seit zehn Jahren erlebt. Auf ihrem Boden haben die Griechen zwar keinen Krieg geführt, sie bezahlen aber teuer für das Versagen ihrer politischen Klasse. Denn sie sind ein Viertel ärmer, als sie es vor dem Ausbruch der Rezession im Jahr 2009 waren. Die gesamtwirtschaftlichen Zahlen bessern sich auf einem sehr tiefen Niveau, im Alltag der meisten Menschen schlägt sich das jedoch noch nicht nieder. Wenigstens schrumpft die Wirtschaft nicht mehr. Ein Wachstum, das diesen Namen verdient, findet aber einstweilen nicht statt.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Stimmung hellt sich allerdings auf. Ein Indikator dafür ist der Verkehr, der in den Athener Straßen wieder zunimmt. Wieder mehr Menschen glauben, dass sie es sich leisten können, Auto zu fahren. Ein anderer Indikator sind die Preise für Immobilien, die nach einem langen Fall in letzter Zeit wieder ansteigen. Dazu trägt auch der Tourismus bei. Denn viele Urlauber in Athen und auf den Inseln buchen über Airbnb eine private Wohnung und verschaffen den Griechen so eine neue Einkommensquelle.

          Mit der vorgezogenen Parlamentswahl an diesem Sonntag verbinden viele Griechen die Hoffnung, dass sich ihre Lage zum Besseren wenden wird. Sie werden die Regierung von Ministerpräsident Tsipras voraussichtlich abwählen und dem bisherigen Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis das Mandat für die Bildung einer neuen Regierung geben. Seine konservative Nea Dimokratia liegt in Umfragen fast zehn Prozentpunkte vor Tsipras’ linker Syriza.

          Ein weiterer Silberstreif am Horizont sind die Daten vom Arbeitsmarkt, denn die Arbeitslosenquote liegt bei nur noch 18 Prozent. Das ist zwar doppelt so hoch wie vor der Krise, aber immerhin zehn Prozentpunkte niedriger als beim Höchststand Ende 2013. Der erfreuliche Rückgang ist freilich mit einem hohen Preis erkauft. Denn seit dem Ausbruch der Krise haben 400.000 junge, meist gut ausgebildete Griechen ihr Land verlassen. In Deutschland und Großbritannien fanden sie meist rasch gut bezahlte Stellen.

          Wer sich entschlossen hat, in Griechenland zu bleiben, wo die Jugendarbeitslosigkeit bei 40 Prozent liegt, muss mit Bruttolöhnen von unter 1000 Euro und oft prekären Zeitarbeitsverhältnissen rechnen. Als normal gilt, dass viele junge Griechen und Berufsanfänger weiter finanziell von ihren Eltern unterstützt werden.

          Arbeit finden die Jungakademiker in Restaurants und Cafés, aber auch – wenn sie Glück haben – bei einem der vielen Reeder, die zuletzt ihren Firmensitz von London und New York nach Athen und den Stadtteil Kifissia verlegt haben, wo auch viele Dienstleistungsunternehmen für die Schifffahrt entstehen. Andererseits haben in den Jahren der Krise viele andere Firmen ihre Belegschaft zum Teil drastisch abgebaut.

          Bereits bei der Europawahl im Mai haben 31 Prozent der 18 bis 24 Jahre alten Wähler ihre Stimme der konservativen Nea Dimokratia gegeben und damit mehr als jeder anderen Partei. Die Jungwähler stimmten nicht mehr, wie in den Jahrzehnten davor, für eine linke Partei.

          Selbst im Universitätsviertel Exarchia spielt der Wahlkampf jetzt keine Rolle. Es nutzt dort Tsipras auch nicht, dass er eine Reform der Vorgängerregierung rückgängig gemacht hat, die die lähmende Macht der oftmals anarchistischen Studentenverbände brechen wollte. Die haben nun wieder die Oberhand gewonnen und legen den Lehrbetrieb lahm, wogegen sich immer mehr Professoren und Studenten auflehnen.

          Tsipras hat seine Anhänger enttäuscht

          Tsipras war Anfang 2015, als die Jugendarbeitslosigkeit 60 Prozent erreicht hatte, mit einer Agenda ins Amt gewählt worden, die sich gegen das politische Establishment richtete. Tsipras enttäuschte aber seine Anhänger, denn Syriza verhielt sich rasch wie die klassischen Parteien, vor allem bei der Versorgung ihrer Anhänger mit Posten im öffentlichen Dienst. Die wirtschaftliche Lage begann sich nicht, wie erhofft, zu bessern.

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