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Wahl in Griechenland : Alles bleibt in der Familie

Egal wie die Wähler entscheiden: Es bleibt in der Familie Bild: AP

Griechenlands Politik wird seit sechs Jahrzehnten von drei Familien bestimmt: den Karamanlis, den Papandreous und den Mitsotakis. Aber wer steht eigentlich für was in dieser südosteuropäischen Sippen-Saga?

          An den Kiosken in der griechischen Hauptstadt wird derzeit außer Zeitungen und Tabak auch eine Filmdokumentation verkauft: „Konstantinos Karamanlis - der Mann, der Griechenland veränderte“ lautet der Titel. Gemeint ist allerdings nicht Griechenlands derzeitiger Regierungschef, der sich bei den Parlamentswahlen an diesem Sonntag an der Spitze der konservativen Volkspartei „Nea Dimokratia“ um eine Wiederwahl bewirbt, sondern sein toter Onkel gleichen Namens.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der hat Griechenland tatsächlich verändert. Im Jahr 1909 noch als Untertan des Sultans geboren, prägte der griechische Mazedonier die Politik seiner Heimat ein halbes Jahrhundert lang. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis Mitte der neunziger Jahre diente Karamanlis dem griechischen Staat auf diversen Ministerposten, als Regierungschef und zuletzt zwei Amtszeiten lang als Staatspräsident.

          Die Karamanlis, Papandreous und Mitsotakis

          Sein bleibendes Verdienst ist es, Griechenland im Westen verankert zu haben. Zum 1. Januar 1981 führte er das Land in die Europäische Gemeinschaft - gegen heftigen Widerstand von Oppositionsführer Papandreou. Allerdings muss auch hier wieder vor einer Verwechslung gewarnt werden: Nicht der heutige Oppositionsführer Georgios Papandreou agitierte gegen Griechenlands Westintegration, sondern dessen Vater Andreas, der neben Karamanlis dem Älteren eine weitere prägende Gestalt der griechischen Nachkriegsgeschichte war.

          Abgesehen natürlich von George Papandreou, dem Vater von Andreas und dem Großvater von Georgios, der in den sechziger Jahren selbst Ministerpräsident war und außerdem ein Gegner von Konstantin Mitsotakis. Mitsotakis wiederum wurde, nachdem Karamanlis senior das Amt des Staatspräsidenten übernommen hatte, zunächst Außenminister und Anfang der neunziger Jahre Regierungschef Griechenlands. Er hat sich vor einigen Jahren aus der Politik zurückgezogen, doch hat seine Tochter, die ehemalige Athener Bürgermeisterin Dora Bakogiannis, das Außenministerium übernommen. Dass sie auch einmal Regierungschefin werden möchte, gilt als offenes Geheimnis.

          Wie auch immer die Griechen wählen

          Das klingt verwickelt, ist aber eigentlich einfach. Griechenlands Politik wird seit sechs Jahrzehnten von drei Familien bestimmt: den Karamanlis, den Papandreous und den Mitsotakis. Natürlich gab es zwischendurch immer wieder auch andere Politiker, aber für eine weitere Dynastie ist in diesem Dreierbund kein Platz. Griechenland ist eine Familienangelegenheit. Am Sonntag findet das verwandtschaftliche Duell nun in dritter Generation statt - und selbst das nicht zum ersten Mal.

          Wie bei den Parlamentswahlen 2004 stehen sich Georgios Papandreou auf der einen sowie Konstantinos Karamanlis und Dora Bakogiannis auf der anderen Seite gegenüber. Vor dreieinhalb Jahren gelang es Karamanlis, die Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok), gegründet von Andreas Papandreou und heute geführt von dessen Sohn, nach mehr als zwanzig fast ununterbrochenen Jahren von den Fleischtöpfen zu verdrängen. So wie es aussieht, wird die von Karamanlis geführte Nea Dimokratia (gegründet von Karamanlis dem Älteren) auch 2007 wieder mehr Stimmen als die Pasok erhalten. Aber selbst wenn es nicht so kommen sollte - in den Grundfesten würde Griechenland nicht erschüttert. Denn wie auch immer die Griechen wählen, es bleibt in der Familie.

          „Nur über meine Leiche“

          Aber wer steht eigentlich für was in dieser südosteuropäischen Sippen-Saga? Um das zu verstehen, ist es hilfreich, einen Blick auf die Lebenswerke des Onkels des amtierenden Ministerpräsidenten sowie des Vaters des jetzigen Oppositionsführers zu werfen. Über Karamanlis d. Ä. erfahren wir in der eingangs erwähnten Dokumentation Erhellendes von Helmut Schmidt. Der habe nämlich, als er im Juni 1975 von der Bewerbung Griechenlands um Aufnahme in die EG hörte, gesagt: „Nur über meine Leiche.“ So berichtet es jedenfalls der ehemalige griechische Außenminister Petros Molyviatis, der es von dem damaligen luxemburgischen Ministerpräsidenten Gaston Thorn gehört haben will, der wiederum zufällig gerade bei Schmidt im Büro gesessen haben soll, als dort die Neuigkeiten aus Athen eintrafen.

          Wie dem auch sei: Es ist dem beständigen und zuverlässigen Karamanlis offenbar gelungen, Schmidts Zweifel zu beseitigen. Von griechischen Journalisten befragt, berichtet der ehemalige Kanzler in dem erwähnten Film, Karamanlis sei der einzige vertrauenswürdige griechische Politiker gewesen, den er in jenen Jahren getroffen habe: „Man konnte sich auf sein Wort verlassen. Und das ist ja schon allerhand im Mittelmeerraum.“

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