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Wahl in Georgien : Das Dorf der Träumer

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Nicht verwechseln: Dies ist das Symbol der Bewegung „Georgischer Traum“, nicht die russische Flagge

Nicht verwechseln: Dies ist das Symbol der Bewegung „Georgischer Traum“, nicht die russische Flagge Bild: Georgian Dream

In Georgien wird an diesem Montag ein neues Parlament gewählt. Der Milliardär Bidzina Iwanischwili verspricht goldene Zeiten und will mit seiner Bewegung „Georgischer Traum“ den Präsidenten stürzen.

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          Misstrauisch mustern die Männer am Straßenrand das ortsfremde Auto, das die Ruhe im Dorf Tschorwila stört. Sie beschließen, den Fremden darin einfach zu übersehen. Der versucht, ein Gespräch in Gang zu bringen und fragt, ob er kochendes Wasser für einen Tee bekommen könne. Aber wer weiß schon, was das auf Georgisch heißt. Also ein Versuch auf Russisch. Russisch zu fragen bedeutet ja schließlich nicht, dass man der Auffassung sei, Georgien gehöre wieder in den Einflussbereich Russlands oder dass die Abtrennung georgischer Provinzen und deren Umwandlung zu russischen Protektoraten richtig sei. „Kipjetok jest?“ „Ja, kein Problem, kriegen Sie“, kommt prompt die Antwort. Auf Russisch.

          Neben der Aussicht auf einen heißen Trank enthält die Antwort noch eine Botschaft: dass das angeblich von „ganz oben“ erteilte Verbot für Staatsdiener, auf Russisch zu kommunizieren, für einfache Menschen und auf dem platten Land nicht gilt. Einige Tage zuvor war der Versuch, mit einem wichtigen Politiker im fernen Batumi am Schwarzen Meer ins Gespräch zu kommen, noch fast daran gescheitert. Der Mann hatte das Ansinnen brüsk abgewiesen, mit ihm ausgerechnet in der „Sprache der Besatzer eines Fünftels des georgischen Staatsgebietes“ zu reden.

          Heimatdorf wird Mustersiedlung

          Die Männer von Tschorwila bitten in ein Haus am Straßenrand. Ob es stimme, dass Bidzina Iwanischwili in diesem Dorf geboren und aufgewachsen sei? Die Frage wirkt wie ein Enteisungsmittel im Winter. Der Anführer lächelt und deutet auf das Sonnenemblem der Bewegung „Georgischer Traum“ auf seinem T-Shirt. Iwanischwili hat die Bewegung gegründet, um die Politik in Georgien aufzumischen und die Partei des einstigen Volkshelden „Mischa“, Präsident Micheil Saakaschwili, mit der Parlamentswahl am 1. Oktober in die politische Wüste zu schicken. Er besorge im Dorf die Geschäfte der Bewegung, sagt der Mann, und dass hier alle für Bidzina seien. Am Wahltag sei deshalb ein haushoher Sieg Iwanischwilis in Tschorwila so sicher wie das Amen in der Kirche.

          Das verwundert nicht, denn es hatte sich herumgesprochen, dass Iwanischwili, der Dollarmilliardär, aus seinem Heimatdorf im Westteil Georgiens eine Mustersiedlung gemacht hat. Die Straße, die sich durch den Ort in Hanglage zieht, ist asphaltiert. Alle Häuser haben neue Dächer. Aber das sei längst nicht alles, sagt der Anführer der Männergruppe. Iwanischwili habe sämtliche Häuser von Tschorwila renovieren lassen, zuerst das seines Vaters, eines Bergmanns. „Stellen Sie sich vor, 1,2 Milliarden Dollar hat der Mann seinem Land geschenkt, und trotzdem hat ihm Saakaschwili die georgische Staatsbürgerschaft genommen, und Saakaschwilis Leute stellen ihn als Verräter hin, der Georgien sofort an die Russen verkauft, wenn er die Wahl gewinnt.“ Wie Iwanischwili zu seinem sagenhaften Reichtum gelangte, wissen die Männer nicht, aber dass einer, der das fertiggebracht habe, der Richtige für Georgien sei, daran zweifeln sie nicht.

          Der Milliardär selbst hat bei einem Gespräch im Tifliser Hauptquartier der „Träumer“ nicht mit Informationen geknausert, wie er zu seinem Vermögen kam - und redete Russisch, was ihm sichtlich Vergnügen bereitete. Im Gespräch mit Iwanischwili stellte sich schnell heraus, dass die Milliarden ähnliche Wurzeln haben wie die von anderen Superreichen: Ende der achtziger Jahre, als Gorbatschow so etwas zuließ, gründete Iwanischwili in Tiflis eine Produktionsgenossenschaft. Anfangs stellte er mit Metall ummantelte Schläuche her.

          Tastentelefone und Kassettenrekorder

          Da er mit dem Verkauf von Computern aber sehr viel mehr Geld verdienen konnte, verlegte er sich auf dieses Geschäft. Allerdings hatten die kommunistischen Funktionäre in der Tifliser Staatsanwaltschaft etwas dagegen. Sie „kassierten“ die erste Million Rubel, die Iwanischwili verdient hatte. Deshalb ging er nach Moskau. Dort weitete der diplomierte Wirtschaftswissenschaftler das Geschäft aus, und er begann zudem, in Hongkong Tastentelefone und Kassettenrekorder herzustellen. Zu Beginn der neunziger Jahre war bereits genügend Geld, etwa 100.000 Dollar, in der Kasse, um eine Bank, „Rossijskij Kredit“, zu gründen. Dieses Geldhaus war die Grundlage für alle seine weiteren wirtschaftlichen Aktivitäten.

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