https://www.faz.net/-gpf-7sirx

Wahl in der Türkei : Null Nachbarn ohne Probleme

Zukünftiges Oberhaupt eines ziemlich isolierten Landes: Recep Tayyip Erdogan Bild: AP

Die Türkei reagiert nur auf Krisen und erkennt sie oft zu spät. Greift sie ein, bleibt das meist wirkungslos oder verschlimmert die Lage. Auch außenpolitisch ist das Land isoliert - daran wird sich auch unter einem Präsidenten Erdogan nichts ändern.

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan – noch ist er nicht gewählt, aber das ist eine Formalie – wird sein neues Amt als Oberhaupt eines außenpolitisch ziemlich isolierten Staates antreten. Jahrzehntelang wähnte sich die Türkei von feindlichen Nachbarstaaten umgeben, lebte mit dem Rücken zu ihrer Vergangenheit im Nahen Osten, setzte sich durch die Umstellung der Schreibweise vom Arabischen auf das Lateinische 1928 auch äußerlich davon ab. Erst viel später nahm Ankara eine Kursänderung vor, als deren Architekt heute meist Außenminister Ahmet Davutoglu genannt wird. Tatsächlich war es aber einer seiner Amtsvorgänger, der 2007 verstorbene Ismail Cem, der die ersten Schritte dazu unternahm.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Mit seinem damaligen griechischen Gegenpart Giorgos Papandreou erreichte Cem eine Annäherung zwischen Athen und Ankara. In Anlehnung an zwei Naturkatastrophen, die in kurzer Folge die Türkei und Griechenland heimgesucht und eine Welle gegenseitiger Hilfsbereitschaft ausgelöst hatten, ging sie als „Erdbeben-Diplomatie“ in die Geschichte ein. Doch Cem strebte auch mit den anderen sieben Nachbarstaaten der Türkei – als Schwarzmeeranrainer kommen zudem noch Rumänien, die Ukraine und Russland sowie in der Levante Zypern hinzu - bessere Beziehungen an. In seinen Memoiren schrieb er, bei seiner Amtsübernahme habe die Türkei mit fast allen Nachbarn schlechte Beziehungen gehabt.

          „Ich dachte, dass wir dies ändern sollten, sofern wir daran eine Teilschuld tragen.“ Als Davutglu im Mai 2009 ins Amt kam, setzte er Cems Politik fort und versah sie mit einem eingängigen Slogan: „Null Probleme mit Nachbarn“ sei das Ziel. Das Konzept dazu hatte er in seinem 2001 erschienenen Buch „Strategische Tiefe“ formuliert. Um eine regionale Ordnungsmacht zu sein, müsse die Türkei ihre Dauerkonflikte mit den Nachbarn beilegen, so Davutoglu. Selbstbewusst verkündete er zu seinem Amtsantritt vor fünf Jahren: „Die Türkei ist kein Land mehr, das nur auf Krisen regiert. Sie erkennt Krisen schon vor deren Entstehung und greift wirksam ein. Sie formt die Verhältnisse in der Region.“ Davon ist wenig geblieben. Heute gilt: Die Türkei ist ein Land, das nur auf Krisen regiert und sie oft viel zu spät erkennt. Greift sie ein, bleibt das meist wirkungslos oder verschlimmert die Lage. Sie formt nicht die Verhältnisse, sondern wird von ihnen geformt.

          „Falsche Akzente, fehlendes Gespür“

          Oft wird gespottet, aus „Null Probleme mit Nachbarn“ sei „Null Nachbarn ohne Probleme“ geworden. Das gilt vor allem an der Südgrenze, wo die Türkei sich zwei in Auflösung begriffenen Staaten gegenübersieht. „Zu sagen, dass die türkische Außenpolitik der vergangenen Jahre ein Fiasko war, ist sicher nicht übertrieben. Fehleinschätzungen, falsche Akzente, fehlendes Gespür kennzeichneten die Politik der Regierungspartei AKP“, sagt der Politikwissenschaftler Ekrem Eddy Güzeldere in Istanbul. Bemerkenswert sei, dass die AKP ein ganz anderes Bild von sich habe: „Danach ist die Türkei weiterhin eine einflussreiche Macht in der Region, die mit allen Parteien Kontakte pflegt. Erdogan wird als der einzige politische Führer gepriesen, der in Palästina Dinge bewegen kann. Das ist absurd, wird von der Mehrheit der AKP-Wähler aber offenbar geglaubt.“

          Weitere Themen

          Vom Winde umweht

          Mikrofonwindschützer aus OWL : Vom Winde umweht

          Mikrofonwindschützer sind die heimlichen Ikonen der Medienwelt. Hergestellt werden sie in Handarbeit. Weltmarktführer des Reporter-Accessoires ist ein Unternehmen in Ostwestfalen.

          „Wo ist Boris?”

          TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

          In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

          Topmeldungen

          Die Spitzen der großen Koalition bei ihrem Treffen im Kanzleramt

          Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

          Die Spitzen der großen Koalition haben bei der Reform der Grundsteuer einen Kompromiss erzielt. Das Gesetz soll nach monatelangem Streit noch vor der Sommerpause im Bundestag beraten werden.

          TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

          In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.