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Wahl in den Niederlanden : Im Zangengriff der Euroskeptiker

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„Wenn ich sage, was ich immer sage“: Emile Roemer am Sonntag in Arnheim vor Mitgliedern seiner Sozialistischen Partei

„Wenn ich sage, was ich immer sage“: Emile Roemer am Sonntag in Arnheim vor Mitgliedern seiner Sozialistischen Partei Bild: Edgar Schoepal

Bei der Niederländischen Parlamentswahl im September könnte die Sozialistische Partei stärkste Kraft werden. Ähnlich wie Islamfeind Geert Wilders setzt sie auf den Unmut über die gemeinsame Währung.

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          Emile Roemer kostet den Jubel aus. In Den Haag mag die gesamte Konkurrenz über ihn hergefallen sein: „Unvernünftig“, schimpfte der Sozialdemokrat. „Rabiat und nicht ernst zu nehmen“, urteilte der Linksliberale. „Tieftraurig“ gab sich der Christliche Demokrat. Doch hier, vor vielleicht tausend Mitgliedern der Sozialistischen Partei, die gut drei Wochen vor der Parlamentswahl am Sonntag ins Arnheimer Freiluftmuseum gekommen sind, lässt Roemer sich feiern. Der Basis hat es gefallen, wie ihr Spitzenkandidat vorige Woche in „Het Financieele Dagblad“ mit vier englischen Worten auf die Frage antwortete, ob nicht auch eine Regierung unter Emile Roemer ein Bußgeld der EU wegen überhöhten Haushaltsdefizits bezahlen müsste: „Over my dead body.“

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          In kleiner Runde mit ausländischen Journalisten hat Roemer eben noch einen Beschwichtigungsversuch unternommen. „Nur über meine Leiche“, das bedeute nicht mehr, als „dass ich mich mit aller Kraft etwas widersetzen werde, das ich für völlig falsch halte.“ Auf der Bühne aber nimmt der Mann, der die in Den Haag bisher randständigen Sozialisten gerade zur stärksten Kraft des Landes zu machen scheint, nichts zurück. Lieber mokiert er sich über Finanzminister Jan Kees de Jager, der verkündet hatte, Roemers Worte hätten an den Finanzmärkten Unruhe verursacht und die Zinsen für niederländische Staatsanleihen in die Höhe schnellen lassen. „Ich habe mal geschaut, wie die Börsen darauf reagieren, wenn ich sage, was ich immer sage“, spottet Roemer, „und siehe da: Die Wall Street ist im Plus gestartet!“

          „Mit gegenseitigen Absprachen weit gekommen“

          Die Dead-Body-Episode hat für Roemer mehrere Vorzüge. Wieder hat er sich gegen die vielen anderen Parteien profiliert, die das Land seit Jahrzehnten in verschiedenen Konstellationen regieren. Er hat sich entschlossen gezeigt, die Politik vom Gängelband der Finanzmärkte zu lösen. Er hat Gelegenheit bekommen, in alle Mikrofone die Phrase zu wiederholen, dass ihm die Menschen wichtiger seien als „Zahlen oder Regeln“. Die ungewohnte Aufmerksamkeit für den Anführer der bisher nur fünftgrößten Fraktion im Abgeordnetenhaus machte zudem deutlich, dass sich alle Welt inzwischen ernsthaft mit dem Gedanken befasst, ein Sozialist könnte Regierungschef in Den Haag werden. Vor allem jedoch hat Roemer sein Image als ein nur um das Wohl des eigenen Landes besorgter Euroskeptiker gepflegt, ohne seine nicht eben experimentierfreudigen Anhänger gleich mit dem Vorschlag zu verschrecken, aus der EU oder der Eurozone auszutreten. „Die Vorstellung, dass der Euro zerbrechen könnte, ist für jedermann ein Alptraum“, sagt Emile Roemer im Gespräch, „weil das sehr viel Geld kosten würde.“ Die Frage sei nur, fährt der zugleich Volksnähe und Ernsthaftigkeit ausstrahlende Sozialistenchef fort, „ob es weniger kostet, wenn es nicht zum Zusammenbruch kommt. Die Antwort kennt keiner, ich auch nicht.“

          Mit Rosen: Diederik Samson, Spitzenkandidat der sozialdemokratischen PvdA, in Gouda
          Mit Rosen: Diederik Samson, Spitzenkandidat der sozialdemokratischen PvdA, in Gouda : Bild: Andreas Ross

          Dieser Zweifel unterscheidet Roemer von Geert Wilders, dem zum EU-Hasser mutierten Islamfeind, der im Haager Parlament am anderen Ende des Halbrunds sitzt. Wilders hat längst ein Institut gefunden, das die Wiedereinführung des Guldens für deutlich billiger erklärte. Roemer fordert auch nicht wie Wilders die Abschaffung des Europaparlaments. Aber auch die Sozialisten machen keinen Hehl daraus, dass es den Euro gar nicht geben dürfte und Brüssel nicht noch mehr Kompetenzen bekommen dürfe. Den Vertrag zum dauerhaften Euro-Krisenfonds ESM hat das Parlament vor der Sommerpause gegen die Stimmen der Sozialisten gebilligt. Über den Fiskalpakt will Roemer das Volk abstimmen lassen. „Wir sind in Europa mit gegenseitigen Absprachen weit gekommen“, sagt der frühere Grundschulrektor, der am Freitag fünfzig Jahre alt wird. „Dass Europa nach 1945 nichts mehr mit dem Europa von vor 1945 zu tun hat, liegt doch nicht daran, dass wir damals eine Institution gegründet haben, die automatische Sanktionen verhängt.“

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