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Wahl in Argentinien : Zwischen Bauruinen und Wolkenkratzern

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Sie will das „Projekt“ ihres vor einem Jahr verstorbenen Mannes Néstor auch nach der Wahl am Sonntag fortsetzen: Cristina Fernández de Kirchner Bild: dapd

Am Sonntag stellt sich Präsidentin Kirchner den Wählern. Trotz hoher Inflation ist sie gerade bei den Armen beliebt, an ihrer Wiederwahl gibt es kaum Zweifel.

          Delia hatte Glück. Sie hat zusammen mit ihrem siebenjährigen Kind und ihrem Mann eine nagelneue Wohnung beziehen können. In den Armenvierteln der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires sind in den vergangenen Jahren anstelle der Hütten aus zusammengeklaubten Backsteinen, Wellblech und Plastikplanen immer mehr massive Wohnblocks entstanden. Aus müllübersäten Pfaden sind regelrechte Straßen geworden, an denen sich Geschäfte, Bars und Kioske eingenistet haben. Als es in der „Verborgenen Stadt“ am südlichen Rand von Buenos Aires mit dem Häuserbau anfing, gab es auch Arbeit, weil die Bewohner an den Bauarbeiten beteiligt wurden.

          Die Regierung des Präsidentenehepaars Néstor und Cristina Kirchner hatte das Wohnungsbauprogramm in den Elendsquartieren weitgehend einer der beiden Organisationen der „Mütter der Plaza de Mayo“ überlassen. Die Kinder dieser Frauen waren in der Diktatur von der Staatsmacht entführt und gefoltert worden, sie zählen zu den Verschwundenen. Das Wohnungsbauprojekt „Gemeinsame Träume“ mehrte das Ansehen der Regierung, brachte ihr allerdings auch einen der größten Skandale der vergangenen Jahre.

          „Plötzlich zahlten sie nicht mehr oder nur mit Verspätung, und dann entließen sie die ersten“, erzählt Delia. „Außerdem waren die Häuser, die sie übergaben, von miserabler Qualität, die Wasserleitungen leckten, Gas strömte aus. Die Decke ist mir in der kurzen Zeit, die wir dort wohnen, schon zehn Mal buchstäblich auf den Kopf gefallen, der Fußboden wölbt sich, es dringt Wasser ein, wir wissen nicht, woher es kommt.“ Seit ruchbar wurde, dass der von den „Müttern der Plaza de Mayo“ mit dem Wohnungsbau beauftragte Sergio Schoklender mutmaßlich große Beträge aus dem für das Wohnungsprogramm bestimmten Etat veruntreut und Materialien für private Zwecke abgezweigt hat, sind die Bewohner der neuen Häuser auf sich gestellt. „Keiner kommt mehr, um etwas zu reparieren, keiner ist mehr zuständig“, sagt Delia. Andere Frauen mit den gleichen Problemen pflichten ihr bei.

          Wenn Argentiniens Präsidentin vom „Projekt“ oder dem „Modell“ spricht, das ihr vor einem Jahr verstorbener Mann Néstor begonnen habe und das es fortzusetzen gelte, meint sie Programme wie den Wohnungsbau in den Armenvierteln, Sozialhilfe für den Familienvorstand oder eine neue Form von Kindergeld. Projekte zur Schaffung von dauerhaften Arbeitsplätzen sind nicht dabei. Ein Arbeitsbeschaffungsplan ist eingestellt worden.

          Der Wohnungsbau war in den Armenvierteln eine der wenigen Möglichkeiten, mit regelmäßiger Beschäftigung ein bescheidenes Einkommen zu erzielen. Auch das ist jetzt weggefallen, zumindest bis die Vorgänge um die Veruntreuung der Mittel und Materialien geklärt sind. Die seit Mitte des Jahres laufenden Ermittlungen der Justiz sind offensichtlich so lange hinausgezögert worden, dass erst nach den Präsidentenwahlen an diesem Sonntag Details bekannt werden, welche die Regierung und die „Mütter“-Organisation belasten.

          Vorwärts, Brünette! heißt es auf diesem Unterstützerplakat

          Auch wer Arbeit auf dem Bau hatte, konnte von heute auf morgen gefeuert werden - wenn er sich nicht an Kundgebungen von regierungstreuen Organisationen beteiligte, zu denen vor allem die „Mütter der Plaza de Mayo“ zählen. „Sie kamen mit dem Bus und führten Buch darüber, wer mitfährt und wer nicht, und wer nicht einstieg, verlor seinen Lohn und wurde entlassen, selbst wenn er seit morgens früh um 7 gearbeitet hatte“, erzählt Delia. „Das war die Strafe für die Nichtbeteiligung. Den meisten hier ist die politische Partei egal, sie wollen nur ihre Familie ernähren, fahren dann eben mit zur Plaza de Mayo und demonstrieren oder protestieren, gleich für oder gegen wen.“

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