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Wahl in Algerien : Und Bouteflika bettelt um Beteiligung

Wahlkampf in Algerien: Bouteflika bei einer Rede in Bejaia Bild: dpa

Algeriens Präsident ist nicht wochenlang durch das Land gereist, weil er bei der Wahl heute um Bestätigung bangen müsste. Dass der Präsident die Wahl gewinnt, stand schon lange fest. Er kontrolliert alles. Aber er will einen echten Triumph feiern.

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          Natürlich wird Herr Zergaoui wählen gehen, auch wenn sein Freund, der Kupferschmied, oder Karim, der Ladenbesitzer um die Ecke, und dessen Söhne wohl nicht gehen werden. Aber die Tante von Herrn Zergaoui wird gehen, die gerade die Geschichte erzählt, wie ihre Schwester im August 1957 im Unabhängigkeitskrieg von den Franzosen ermordet wurde, und Zergaouis Schwester, die in einem rosafarbenen Kittel Teller mit dampfender Linsensuppe aufdeckt. Auch ihr Sohn, der im Nebenzimmer das Erinnerungsfoto mit dem Präsidenten sucht. Im Hause Zergaoui ist das Wählen Bürgerpflicht - schließlich ist Präsident Bouteflika seit mehr als zwanzig Jahren ein Freund der Familie. „Die, die ihn dauernd kritisieren, haben nie mit ihm an einem Tisch gesessen, wissen nicht, was für ein intelligenter und feiner Mensch er ist“, sagt Herr Zergaoui.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Der Präsident ist wochenlang durch ganz Algerien gezogen, hat busweise Anhänger zu seinen Auftritten heranfahren lassen, hat Hände geschüttelt, hat die Journalisten im Flugzeug mitreisen lassen, hat viele Folkloregruppen auftreten lassen, viele Kinder geherzt, hat das ganze Land mit Bannern und Plakaten schmücken lassen. Er war viel im Staatsfernsehen zu sehen, hat den Landwirten rechtzeitig Schulden erlassen, hat den Studenten die staatlichen Zuwendungen erhöht. Bouteflika hat einen aufwendigen Wahlkampf gegen das stärkste politische Lager bei der Präsidentenwahl an diesem Donnerstag geführt: die Nichtwähler.

          Boykott als Waffe

          Dass der Präsident die Wahl gewinnt, stand schon lange fest. Die meist farblosen Gegenkandidaten kamen in der Öffentlichkeit kaum vor. „Theater“ oder „Maskerade“ sei das, schimpfen Oppositionelle, regierungskritische Journalisten und viele Leute auf der Straße. Und sie wollen sich den Hinweis nicht verkneifen, dass das alles mit ihren Steuergeldern bezahlt werde.

          In Algerien herrscht Zynismus kurz vor Wahl
          In Algerien herrscht Zynismus kurz vor Wahl : Bild: dpa

          Boykott ist ihre stärkste Waffe. Mit einer Wahlbeteiligung von nur 37 Prozent wie bei der Parlamentswahl 2007 könnte Bouteflika schlecht leben. So wird den geladenen Wahlbeobachtern der Arabischen Liga, der Afrikanischen Union und der Organisation der Islamischen Konferenz, die eine transparente Wahl bezeugen sollen, womöglich entgehen müssen, dass am Ende weniger Leute im Wahllokal waren als von den Behörden gezählt. „Bouteflika sehnt sich nach Akzeptanz“, sagt die Politologin Louisa Dris-ait Hamadouche; auch sie wird nicht zur Wahl gehen. Wenn die nächste Amtszeit des Präsidenten durch eine hohe Zustimmung legitimiert werde, stärke das seine Position innerhalb der herrschenden Elite, die alles andere als eine homogene Gruppe sei.

          Da gebe es Bouteflika und seine Clique, den Geheimdienstchef General Tewfik, einflussreiche Militärs und Wirtschaftsgrößen, die Führer der Regierungsparteien FLN, RND und MSP. Sie alle sind in Rivalität, durch politische Händel und das Wissen um die Annehmlichkeiten eines Lebens an der Macht miteinander verbunden. Manche in Algier sprechen von „russischen Verhältnissen“. Auch für die Außendarstellung ist die Wahl von Bedeutung, schließlich wird Bouteflika von seinen Anhängern auch dafür gelobt, Algerien zu einem angesehenen Gesprächs- und Geschäftspartner des Westens gemacht zu haben.

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