https://www.faz.net/-gpf-7nwt8

Wahl in Afghanistan : Kriegsfürsten auf Stimmenfang

  • -Aktualisiert am

Wanderer auf schmalem Grat: Abdullah Abdullah (Zweiter von rechts) trifft sich auf dem Weg zu einer Wahlkampfveranstaltung mit Anhängern in Pole-i-Chomri. Bild: Daniel Pilar

Die Präsidentenwahl am 5. April soll die erste demokratische Machtübergabe in der Geschichte Afghanistans werden. Führt sie zu Stabilität oder zum Absturz ins Chaos?

          7 Min.

          Der Mann, der der nächste Präsident Afghanistans werden will, steigt auf ein Podest und betet. Kameras klicken. Teetassen klappern. Hinter dem Betenden erheben sich wie auf einer Fototapete die Berge des Hindukusch. Um ihn herum stehen drei Dutzend Fotografen, Kameramänner und Wahlkampfhelfer auf dem Dach einer Burg im Disney-Stil, die sich ein reicher Geschäftsmann, ein Freund des Kandidaten, in Sichtweite des deutschen Feldlagers Camp Marmal hat errichten lassen. Der Kandidat verschränkt die Hände vor der Brust, bewegt die Lippen, kniet, senkt die Stirn auf den Boden, als würde er den Trubel um sich herum gar nicht wahrnehmen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die Szene ist ein Zitat. Abdullah Abdullah inszeniert sich als Erbe von Ahmed Shah Massud, der sich besonders gern in der Pose des Betenden abbilden ließ. Der Mudschahedinführer aus dem Panjshir-Tal, der zwei Tage vor den Anschlägen vom 11. September 2001 bei einem Attentat getötet wurde, gilt den Tadschiken Afghanistans bis heute als größter aller Helden. Abdullah war dessen Freund und Sprecher; der Verweis auf die vermeintlich glorreiche Vergangenheit des antisowjetischen Widerstandskampfes gehört zum Markenkern des Präsidentschaftskandidaten. Damit dürfte er bei den Wahlen am kommenden Samstag einen großen Teil der tadschikischen Wähler hinter sich vereinen – und das Land womöglich einer Zerreißprobe aussetzen.

          Mazar-i-Sharif: Anhänger jubeln dem Autokonvoi Abdullah Abdullahs zu. Bilderstrecke

          Bis auf eine kurze Phase der historischen Verirrung hat Afghanistan noch nie einen Präsidenten aus dem tadschikisch dominierten Norden gehabt. Die Staatsführer waren immer Paschtunen und kamen aus dem Süden oder Osten des Landes. Und doch gilt Abdullah als einer von drei Favoriten für das Amt. Nach Umfragen liegt er derzeit an zweiter Stelle der Wählergunst; sein Einzug in die Stichwahl gilt als wahrscheinlich. Und Abdullah hat – wie einige andere Kandidaten auch – schon wissen lassen, dass er sich für den einzigen legitimen Sieger hält und dass er die Abstimmung im Falle einer Niederlage für gefälscht erklären und anfechten wird. In westlichen Botschaften in Kabul ist man besorgt über solche Äußerungen. Das afghanische Innenministerium bereitet sich auf Massenproteste von Anhängern der Wahlverlierer vor. In manchen Provinzen sollen Waffen verteilt worden sein, um dem Einfluss von Kandidaten auf die Wahlkommission Nachdruck zu verleihen. Dem Land steht eine turbulente, aber historische Wahl bevor. Zum ersten Mal in der afghanischen Geschichte soll es einen halbwegs friedlichen und halbwegs demokratischen Machtwechsel geben. Nach knapp 13 Jahren Amtszeit macht Präsident Hamid Karzai Platz für einen Nachfolger.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Angeklagter: Der 93 Jahre alte Bruno D. wird aus dem Gerichtssaal in Hamburg geschoben.

          Prozess um SS-Wachmann : Eine große Umarmung

          Im SS-Prozess in Hamburg sagt ein früherer Häftling des KZ Stutthof aus. Er berichtet von furchtbaren Taten und Erlebnissen. Und er will dem Angeklagten vergeben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.