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Albin Kurti im Interview : „Wir sind eine Nation mit zwei Staaten“

Anhänger von Albin Kurti am Sonntagabend in Prishtina Bild: Reuters

Albin Kurti ist einer der Gewinner der Parlamentswahl im Kosovo. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Korruption, den Ruf Kosovos in der Welt, den Einsatz von Tränengas und seine Vorliebe für die albanische Flagge.

          6 Min.

          Herr Kurti, im Kosovo wird keine wichtige politische Frage ohne Zustimmung der Vereinigten Staaten entschieden. Der frühere amerikanische Botschafter im Kosovo, Christopher Dell, hat sich wie andere Washingtoner Diplomaten in Prishtina aber stets geweigert, mit Ihnen auch nur zu reden. Haben Sie zum derzeitigen amerikanischen Botschafter Philip Kosnett bessere Beziehungen?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Botschafter Dell habe ich einmal getroffen, aber wir hatten dann eine Unstimmigkeit bezüglich der Bechtel-Enka-Autobahn von Prishtina nach Tirana, die dreimal teurer war, als sie es zu Marktpreisen gewesen wäre. Er hat sich damals sehr stark für die Autobahn eingesetzt, jetzt arbeitet er in Afrika für das gleiche Unternehmen. Botschafter Kosnett habe ich aber schon dreimal getroffen.

          Sehen die Amerikaner Sie jetzt also weniger kritisch als früher?

          Es ist Zeit vergangen, seit Botschafter Dell im Jahr 2012 das Kosovo verlassen hat. Botschafter Kosnett tritt stark gegen Korruption und Nepotismus sowie für Rechtsstaatlichkeit ein. Das deckt sich mit den Prioritäten von Vetëvendosje.

          Die amerikanische Botschaft in Prishtina war in der Vergangenheit stets ein maßgeblicher Faktor bei der Bildung von kosovarischen Regierungen…

          Das war so, aber in letzter Zeit haben unsere Regierungspolitiker bewiesen, dass sie sogar die an sich guten Beziehungen des Kosovos zu den Vereinigten Staaten ruinieren können, nur um ihre korrupte Politik zu retten. Wenn es um ihr Geld und ihren Reichtum geht, dann werden sie sogar gegenüber den Vereinigten Staaten ungehorsam. Welch Überraschung…

          Albin Kurti am Montagmorgen in Prishtina

          Sie scheinen den unlängst zurückgetretenen Ministerpräsidenten des Kosovos, Ramush Haradinaj, aber wenigstens in einer Frage zu unterstützen, nämlich was die von ihm verfügten Strafzölle auf Einfuhren aus Serbien betrifft.

          Ich bin in der Tat nicht dafür, diese Zölle wieder abzuschaffen, aber ich zöge eine Politik der vollen Reziprozität vor. Serbien akzeptiert zum Beispiel unsere Nummernschilder nicht und auch keine Produkte, auf denen die Herkunftsbezeichnung „Made in Kosova“ steht. Das ist absurd – und solange Waren mit unserer Herkunftsbezeichnung in Serbien nicht erlaubt sind, sollten Waren mit serbischer Herkunftsbezeichnung auch hier nicht verkauft werden dürfen. Immerhin haben die Zölle eine Nebenwirkung gehabt, die überhaupt nicht wirtschaftlich war: Sie haben dazu beigetragen, dass diese unselige Idee eines Landtauschs zwischen Serbien und dem Kosovo vom Tisch kam.

          Sie bezeichnen das Kosovo als einen „gekaperten Staat“, den sich die ehemaligen Befehlshaber der „Befreiungsarmee Kosovo“ (UÇK), Staatspräsident Hashim Thaçi sowie der frühere Regierungschef Ramush Haradinaj, unter den Nagel gerissen haben. Sie haben versprochen, diese Kaperung wieder rückgängig zu machen. Wie wollen Sie das anstellen?

          Die Staatsanwaltschaft, die Polizei, überhaupt die gesamte Justiz und die Geheimdienste sowie einige Unternehmer sind in diese Kaperung des Staates verwickelt. Ich bin willens, organisierte Kriminalität und Korruption auf hoher Ebene zu bekämpfen, und ich bin willens, die Monopole der Oligarchie im Kosovo aufzubrechen. Um dabei Erfolg zu haben, brauchen wir aber die Unterstützung der Staatengemeinschaft.

          Sollten Sie tatsächlich Regierungschef des Kosovos werden, müssen sie allerdings zumindest bis 2021, wenn sein Mandat ausläuft, irgendwie mit Staatspräsident Hashim Thaçi auskommen. Den bezeichnen Sie aber als den Hauptverantwortlichen für die Kaperung des kosovarischen Staates. Das dürfte eine schwierige Kohabitation werden.

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