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Vorwahlen in Amerika : Im Glauben getrennt

Mitt Romney im Wahlkampf: Vorbehalte vieler Evangelikalen offenbar noch nicht überwunden Bild: AFP

Die Republikaner in Iowa stimmen über ihren Kandidaten für die Präsidentenwahl ab. Mitt Romney tut sich schwer - für viele gehört er der falschen Kirche an.

          4 Min.

          Zuerst war Michele Bachmann, die Kongressabgeordnete aus Minnesota und Favoritin der rechtskonservativen „Tea Party“-Graswurzelbewegung, in Iowa die Spitzenreiterin unter den republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Die 51 Jahre alte Anwältin und fünffache Mutter, die gemeinsam mit ihrem Mann Marcus zudem 23 Pflegekinder großziehen half, gewann im August 2011 den „Straw Poll“ von Iowa mit 28,6 Prozent der Stimmen. Der „Straw Poll“ ist die allererste Probeabstimmung unter den republikanischen Wählern des Agrarstaates im Mittleren Westen, wo drei Millionen Menschen leben - sowie 19 Millionen Schweine und 57 Millionen Hühner.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Rund 620.000 Wähler von Iowa sind als Republikaner registriert. Von ihnen nimmt gewöhnlich etwa ein Fünftel an den ersten Vorwahlen in einem Wahljahr teil; vor vier Jahren waren es 120.000 Wähler, in diesem Jahr werden bis zu 150.000 erwartet. An diesem Dienstag sind die republikanischen Wähler von Iowa aufgefordert, in einer „Caucus“ genannten Urwahl-Prozedur darüber zu bestimmen, wer aus ihrer Sicht am 6. November den demokratischen Amtsinhaber Barack Obama im Kampf ums Weiße Haus herausfordern soll. Weil sich Obama als Amtsinhaber 2012 keiner innerparteilichen Konkurrenz stellen muss, sind die Augen Amerikas und der Welt allein auf die Vorausscheidung der Republikaner gerichtet.

          Hochamt der amerikanischen Demokratie

          Anders als bei einer klassischen „Primary“-Vorwahl werfen die Teilnehmer eines „Caucus“ am Wahltag nicht einfach ihren Stimmzettel in eine Urne oder machen ihr Kreuzchen auf dem Bildschirm eines Wahlcomputers. Stattdessen kommen sie um sieben Uhr abends in den knapp 1800 Stimmbezirken des Bundesstaates zu einer Art Nachbarschaftstreffen in Schulen, Feuerwehrwachen, Bibliotheken oder auch Kirchen zusammen und debattieren oft erst stundenlang über Vorzüge und Nachteile dieses und jenes Kandidaten, ehe sie endlich ihre Stimme abgeben. Der „Caucus“ ist ein Hochamt der amerikanischen Demokratie, bei dem die Bürger ihre Streitkultur und ihr heiliges Recht der Wahl zelebrieren.

          Michele Bachman: Gewinnerin des „Straw Polls“ von Iowa Bilderstrecke
          Michele Bachman: Gewinnerin des „Straw Polls“ von Iowa :

          Repräsentativ für das ganze Land ist der „Caucus“ von Iowa freilich nicht. 89 Prozent der Einwohner von Iowa sind Weiße, kaum drei Prozent Schwarze und gerade einmal fünf Prozent Latinos. Die buntgemischte Bevölkerung des Riesenlandes Amerika dürfte inzwischen die Zahl von 313 Millionen erreicht haben, von ihnen sind gut 63 Prozent Weiße, fast 13 Prozent Schwarze und knapp 17 Prozent Latinos. Noch stärker verzerrt werden die „Caucus“-Wahlen in Iowa durch den Umstand, dass das Durchschnittsalter der Teilnehmer an den Vorwahlen bei 53 Jahren liegt. Junge Leute in Iowa können sich zumal bei Winterwetter, wenn oft eisiger Wind über die Prärie pfeift, etwas Lustigeres vorstellen als eine Debattierrunde im Bohnerwachsgeruch einer Mittelschulaula.

          Schließlich sind die evangelikalen Christen unter den Teilnehmern des „Caucus“ von Iowa deutlich überrepräsentiert: Bis zu 60 Prozent der Wähler bei den allerersten Vorwahlen eines Präsidentenwahljahrs sind rechtskonservative protestantische Christen, denen der Schutz des ungeborenen Lebens und der traditionellen Ehe von Mann und Frau ebenso eng am Herzen liegt wie das Misstrauen gegenüber der Regierung im fernen Washington, die zumal unter der Herrschaft des Demokraten Barack Obama das Land mit einer Art europäischem Sozialismus heimsucht.

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