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Vorwahlen in Amerika : Eine Partei in Aufbruchstimmung

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Das führte durchaus zu Überraschungen: In einem Wahlkreis in New York forderte die demokratische Sozialistin Alexandria Ocasio-Cortez Joe Crowley heraus, einen der ranghöchsten Demokraten im Abgeordnetenhaus,– und gewann. In Minnesota erkoren die als Demokraten registrierten Bürger Ilhan Omar als Kandidatin. Sie und Rashida Tlaib, die ohne Gegenkandidat in Michigan antritt, wären die beiden ersten muslimischen Frauen im Kongress und werden vom linken Flügel der Partei unterstützt. Insgesamt treten für die Demokraten so viele Frauen an wie nie zuvor: 48 Prozent der Nominierten sind laut den Wahlexperten von „FiveThirtyEight“ weiblich – sie rechnen die Gouverneurs-Vorwahlen mit ein. Bislang sind Frauen politisch weit unterrepräsentiert: Von den 535 Mitgliedern des Kongresses sind achtzig Prozent Männer. Laut „FiveThirtyEight“ unterscheidet neu für den Senat kandidierende Frauen vor allem eines von ihren männlichen Kollegen: 80 Prozent haben Erfahrung in einem gewählten Amt – das trifft auf 22 Prozent der erstmals kandidierenden Männer zu.

Kandidaten, die sich als „progressiv“ bezeichnen, treten laut der „Brookings Institution“ diesmal zahlreicher an als jemals zuvor. Das komme aber keiner „Übernahme“ der Partei von links gleich. Bis August hätten 88 Kandidaten des demokratischen „Establishments“ Vorwahlen zum Abgeordnetenhaus gewonnen, während die „Progressiven“ 64 Abstimmungen für sich entschieden hätten. Als Unterscheidungsmerkmal nahmen die Forscher die Forderung einer allgemeinen öffentlichen Krankenversicherung, die über das bestehende Obamacare-System hinausginge. Da einige der linkeren Kandidaten durch ihren Vorwahl-Sieg nun in sehr stabil republikanischen Bezirken antreten müssen, könnte das der Partei im Einzelfall eher schaden, so die „Brookings Institution“. Wechselwähler ließen sich schließlich eher von „moderaten“ Kandidaten überzeugen.

Nach Meinung vieler Wahlforscher wird das Rennen ums Abgeordnetenhaus in den Vorstädten entschieden. In den Mittelklasse-Vororten von Metropolen wie Houston, Dallas, Kansas City, Denver oder Miami leben gut ausgebildete Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, denen es finanziell häufig gut geht. Gerade junge Wähler der Republikaner, die in den „suburbs“ wohnen, könnten sich wegen der Wut über Trumps Auftreten und Politik moderaten Demokraten zuwenden, hoffen  Parteistrategen. Dabei setzen sie nicht zuletzt auf Frauen, die der Präsident verprellt habe. Diese Hoffnungen könnten sich allerdings als verfrüht erweisen: Weiße Frauen hielten dem rechten Kandidaten Roy Moore in Alabama bei der Senats-Nachwahl im Dezember beispielsweise die Treue – und das, obwohl es mit Doug Jones einen zentristischen demokratischen Kandidaten gab und Moore der sexuellen Nötigung beschuldigt wurde. Es waren schwarze Wähler, die Moore mit ihrer Stimme verhinderten.

Es kommt auf die Wahlbeteiligung an

Auch das Beispiel Alabama machte klar: Für die Demokraten wird es am 6. November besonders auf die Wahlbeteiligung ankommen. Wenn es gelingt, auch bisherige Nichtwähler an die Urnen zu bringen und breitere Schichten der Bevölkerung zu mobilisieren als bisher, kann das entscheidend sein für die erhoffte „blaue Welle“. Bei den Vorwahlen schafften die Demokraten schon einen deutlichen Mobilisierungsschub. Um 78 Prozent ging die Wahlbeteiligung bei ihren Abstimmungen im Durchschnitt herauf, berichtete der öffentlich-rechtliche Radiosender NPR. Im Vergleich dazu gab es bei den Republikanern einen Anstieg um 23 Prozent. Die Zahlen basieren auf der Auswertung von 35 Staaten im Vergleich zu den Kongress-Vorwahlen 2014.

In zwei Staaten war die Entwicklung bei den Vorwahlen besonders drastisch – in Iowa und Illinois blieben viele Republikaner zu Hause. In Iowa wählten 154 Prozent mehr Demokraten als 2014 – aber 36 Prozent weniger Republikaner, als es um die Bestimmung von Kandidaten fürs Abgeordnetenhaus ging. In Illinois brachten die Demokraten sogar 170 Prozent mehr Menschen als damals an die Vorwahl-Urne, die Republikaner 12 Prozent weniger als noch 2014. „Was wir sehen, mit Ausnahme einer Handvoll Bundesstaaten, sind enorme Zuwächse in der Wahlbeteiligung bei den Demokraten, verglichen mit den Republikanern und verglichen mit den Zwischenwahlen 2014“, sagte der konservative Meinungsforscher John Couvillon gegenüber NPR. „Wenn man die Wahlbeteiligung als Indiz des parteipolitischen Enthusiasmus ansieht, dann sehe ich den zur Zeit eindeutig mehr bei den Demokraten.“

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