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Blitztour durch Großbritannien : Johnson spielt den souveränen Chef

  • -Aktualisiert am

Johnson auf seiner politischen Tour in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Wales. Vor allem in Schottland kommt der britische Premierminister noch nicht gut an. Bild: Reuters

Bei seiner schnellen Vorstellungsrunde ist der britische Premierminister kein gern gesehener Gast in Schottland – am wohlsten fühlt er sich auf einem Atom-U-Boot.

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          Wenigen, die am Dienstag Boris Johnsons Besuch zur Besänftigung der um ihre Zukunft besorgten Landwirte in Wales verfolgt haben, dürfte noch in Erinnerung geblieben sein, dass seine politische Laufbahn dort begonnen hat. In der Wahl vom Mai 1997, in der Tony Blairs New Labour einen Erdrutschsieg errang, kandidierte Johnson in dem für die Konservativen aussichtslosen nordwalisischen Sitz von Clwyd South erstmals für das Parlament. Wie er später mit charakteristischer Selbstironie schrieb, habe er „um Clywd South gekämpft – und Clywd South hat zurückgekämpft“. Immerhin hat er die Nationalhymne gelernt und sich genug Walisisch angeeignet, um Fish and Chips zu bestellen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          William Hague, der nach dieser Niederlage der Konservativen John Major als Parteiführer ersetzte, erinnerte sich am Dienstag in seiner Kolumne für den „Daily Telegraph“, wie er damals während des Wahlkampfes mit Johnson in Clywd South ins Feld zog. Als Fototermin war der Führerstand einer Dampflokomotive vereinbart worden. Als die Zugfahrer sich entfernten, um den Fotografen freie Bahn zu lassen, wurde den beiden plötzlich bewusst, dass sie verantwortlich seien für einen sich beschleunigenden Zug, ohne eine Ahnung zu haben, wie sie diesen zum Halten bringen könnten.

          Johnson ignoriert Ruth Davidsons Rat immer wieder

          Hague erzählte die Anekdote, um darzulegen, wie Johnson in seinen ersten Tagen als Premierminister mit seiner positiven Vision für die Zukunft des Landes, seinem fulminanten Auftritt im Parlament und der Besetzung von Schlüsselpositionen in seiner Regierung gezeigt habe, dass er eine klarere Kenntnis von der Bedienung der Regierungshebel besitze. Johnsons frostiger Empfang in Edinburgh am Montag im Rahmen seiner Blitztour durch das Königreich deutet jedoch darauf, dass viele Briten, zumal jenseits des Hadrianswalls mit Johnson eher das Bild eines außer Kontrolle geratenen Zuges in Verbindung bringen, als das eines souveränen Lokführers.

          1964 wurde Johnson, der von vielen einfach „Boris“ genannt wird, in New York als Alexander Boris de Pfeffel Johnson geboren. Schon als Kind habe er den Wunsch geäußert, einmal „König der Welt“ zu werden. Diesen Kindheitstraum verriet seine Schwester Rachel einem Biographen. Bilderstrecke
          Johnsons Weg in die Politik : Oxford-Student, Journalist und Politiker

          Ruth Davidson, die Vorsitzende der schottischen Konservativen, hatte Johnson vor seinem Antrittsbesuch in der schottischen Hauptstadt davon abgeraten, Nicola Sturgeon, die Erste Ministerin und Vorsitzende der Schottischen Nationalpartei, in ihrer offiziellen Residenz aufzusuchen. Ihr Büro warnte vor schädlichen Bildern, die ihn wie einen „ausländischen Würdenträger inmitten einer Flut von Fahnen mit dem Andreaskreuz“ erscheinen lassen würden. Johnson hat den Rat von Ruth Davidson nicht beachtet, so wie er sich auch über die dringende Bitte der erfolgreichen schottischen Politikerin hinwegsetzte, den seit vier Jahren amtierenden Schottland-Minister David Mundell in seinem Amt zu belassen, statt mit Alister Jack einen Abgeordneten einzusetzen, der erst seit zwei Jahren im Parlament sitzt und über keinerlei Regierungserfahrung verfügt.

          Ruth Davidson hat keinen Hehl gemacht über ihre „tiefen Bedenken“ gegen Johnson. Die entschiedene Gegnerin eines EU-Austritts ohne Abkommen hat im Rennen um die Parteiführung erst auf Sajid Javid, dann auf Michael Gove und schließlich auf Jeremy Hunt gesetzt. Nach der Entlassung von Mundell haben führende schottische Konservative mit der Abspaltung der Partei gedroht. Dass die lange Zeit vom Aussterben bedrohten schottischen Konservativen 2017 dreizehn Sitze in Westminster gewonnen haben, nachdem sie dort seit 2001 nur mit einem einzigen Abgeordneten vertreten waren, gilt weitgehend als Ruth Davidsons Verdienst. Während sie nach ihrem Treffen mit Johnson gute Miene zum bösen Spiel machte und ihm ihre volle Unterstützung für seine Brexit-Strategie zusagte, zeigte sich Nicola Sturgeon bei der Begrüßung Johnsons auf den Stufen von Bute House entschlossen, nicht einmal die Andeutung eines höflichen Lächelns über ihre Lippen fahren zu lassen.

          „Gute Aussichten“ auf einen neuen Deal

          Im Anschluss an den „robusten Meinungsaustausch“ hat der britische Premierminister das elegante klassizistische Gebäude, das Downing Street architektonisch in den Schatten stellt, durch die Hintertür verlassen, um nicht, wie bei der Ankunft, von Demonstranten laut ausgebuht zu werden. Nicola Sturgeon tat heuchlerische Überraschung darüber kund, dass Johnson nicht die „Chuzpe oder den Mumm“ gezeigt habe, unter das schottische Volk zu gehen. Sie beschuldigte Johnson, trotz des ganzen „Gepolters und Getöses“ einen für Schottland und das Vereinigte Königreich „gefährlichen“ Kurs in Richtung eines Austritts aus der EU ohne Abkommen zu steuern, was auch immer er öffentlich und im Gespräch geäußert habe über seinen Wunsch, eine Einigung mit Brüssel zu erzielen.

          In diesem Punkt traten während Johnsons Besuch in Schottland leise Differenzen zwischen ihm und Michael Gove auf, dem Mitkämpfer in der Brexit-Kampagne und Rivalen um die Parteiführung, den er mit der Koordinierung der Vorbereitungen für den EU-Austritt betraut hat. Gove hatte in einem Beitrag für die „Sunday Times“ geschrieben, dass die Regierung mangels anderer Zeichen aus Brüssel in der Annahme handle, dass Britannien die EU am 31. Oktober ohne Abkommen verlassen werde.

          Auf die Frage, ob er dieser Einschätzung beipflichte, erwiderte Johnson „Keineswegs. Meine Annahme ist, dass wir ein neues Abkommen erzielen können, wir streben ein neues Abkommen an.“ Im Gespräch mit Nicola Sturgeon bekräftigte Johnson seine Überzeugung, dass „eine sehr gute Aussicht bestehe auf einen Deal“. In der Sache unterscheiden sich Johnson und Gove nicht, aber die Wortwahl des Premierministers ist bezeichnend für seine Entschlossenheit, die Schwarzmalerei durch Zuversicht zu vertreiben, in der Hoffnung, dass eine positive Stimmung auch Früchte tragen möge, nicht nur in Brüssel, sondern auch in einem Wahlkampf, mit dem viele Beobachter trotz Johnsons Dementis eher früher als später rechnen.

          Auf dem Weg nach Edinburgh bot eine Stippvisite beim Atom-U-Boot-Stützpunkt Faslane am Clyde dem Premierminister nicht nur die Gelegenheit, die internationale sicherheitspolitische Rolle Britanniens hervorzuheben, sondern auch „die tapferen Männer und Frauen“ in den Streitkräften als den „Gipfel des britischen Charakters“ zu loben. Er verband den Besuch mit der nach Wahlkampf klingenden Ankündigung eines neuen Amtes für die Betreuung von Veteranen. Auch die hundert Millionen Pfund, die Johnson für die Werbekampagne zur Vorbereitung des Brexits bereit gestellt hat, haben ebenso wie die Gelder, die für die Polizei und für die Verbesserung der Infrastruktur im Norden angekündigt sind, den starken Beigeschmack von Wahlkampf.

          Die schottischen Nationalisten bezeichnen Johnson gern als den letzten Premierminister des Vereinigten Königsreiches. Sie spotten, dass er ihr bester Rekrutierungsoffizier sei. Nicola Sturgeon hat seit seiner Wahl zum Parteiführer den zwischenzeitlich etwas gedämpften Forderungen nach einem zweiten Unabhängigkeitsreferendum wieder Nachdruck verliehen. Johnson bemängelte die Kampagne der SNP, die Union zu zerstören, und lehnte das Ansinnen der Ersten Ministerin mit dem Verweis ab, dass die Abstimmung vor fünf Jahren eine „Einmal-in-einer-Generation-Befragung-des-Volkes“ gewesen sei. Bei seinem Amtsantritt nannte Johnson als seine drei vorrangigen Ziele die Realisierung des EU-Austritts, die Bewahrung der Union und die Besiegung Jeremy Corbyns.

          Es ist bezeichnend, dass der neue Schottland-Minister unmittelbar nach seiner Ernennung den Austritt aus der EU als erste Priorität setzte und die Verteidigung der Union bloß an zweiter Stelle nannte. Um zu demonstrieren, wie viel ihm am Zusammenhalt der vier Nationen des Landes liegt, hat Johnson sich als erster britischer Premierminister zusätzlich den Titel des Ministers für die Union verliehen und ist aufgebrochen in die Landeshauptstädte. Auf Edinburgh und Cardiff soll in Kürze Belfast folgen. In einem Telefonat mit dem irischen Ministerpräsidenten Leo Varadkar versicherte Johnson nach Angaben der britischen Regierung schon einmal, dass es auch im Fall eines ungeregelten Brexits zwischen Irland und Nordirland „niemals physische Kontrollen oder physische Infrastruktur an der Grenze“ geben werde.

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