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Vorrücken der Ukrainer : Lymans Befreiung erzürnt Russlands „wütende Patrioten“

Symbolik des Triumphes: Ukrainische Soldaten am Samstag vor dem Rathaus in Lyman Bild: Oleksiy Biloshytskyi via REUTERS

Nachdem die Ukrainer Lyman unter ihre Kontrolle gebracht haben, kritisieren selbsternannte „wütende Patrioten“ die russische Armeeführung. Sie fordern den Einsatz aller Mittel.

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          Die fünf in Vollmontur gekleideten und mit Sturmgewehren bewaffneten ukrainischen Grenzschützer richten in einem Video – auf Russisch – einen Appell an das russische Volk: „Nach sieben Monaten Krieg sollten Sie begriffen haben, dass wir nicht auch nur einen einzigen Meter unseres Landes aufgeben.“ Dem folgt die Aussage, dass schon „60.000 Ihrer Mitbürger erfolgreich die ukrainische Schwarzerde düngen“ – ein Hinweis auf die Zahl der nach Kiewer Angaben in der Ukraine ums Leben gekommenen Angehörigen der Invasionsarmee. Für die russischen Männer blieben nur noch zwei Optionen, um nicht in einem Leichensack in die Heimat zurückgeschickt zu werden: „Vermeiden Sie die Mobilisierung oder geben Sie auf.“

          Niklas Zimmermann
          Redakteur in der Politik.

          So sehr die am Sonntag von der staatlichen Grenzschutzbehörde verbreitete martialische Botschaft ein Element psychologischer Kriegsführung ist: Die Verunsicherung macht sich in Russland nach der ukrainischen Befreiung der strategisch wichtigen Stadt Lyman auch ohne solche Clips breit. Eigentlich sollte die Annexion vier ukrainischer Gebiete am Freitag die russische Nation hinter Wladimir Putin und dem immer noch „Spezialoperation“ genannten Angriffskrieg versammeln. Doch schon am Wochenende ergingen sich Protagonisten des öffentlichen Lebens in Schuldzuweisungen.

          „Weiß der Präsident von den Vorfällen?“

          Hervor tat sich etwa die Bloggerin Anastassija Kaschewarowa, die einst den Duma-Vorsitzenden Wjatscheslaw Wolodin beriet. Sie knöpfte sich über ihren Telegram-Kanal Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Walerij Gerassimow vor. „Weiß der Präsident von den Vorfällen? Wer berichtet ihm?“, eröffnete Kaschewarowa ihre als Fragen verkleideten Tiraden. Wo seien die versprochenen Panzer, gestohlen oder verkauft? In einem Beitrag vom Sonntag äußerte sie sich auch kritisch über die vergangene Woche von Präsident Putin und seinem Verteidigungsminister verkündete „Teilmobilisierung“. Die Bloggerin fragte, wo die schon vor der „Spezialoperation“ rekrutierten Reservisten seien und weshalb stattdessen Fünfzigjährige, die nie gedient haben, an die Front geschickt würden.

          Diese Art von Unmut kommt aus einer Strömung, die keinesfalls gegen den imperialen Krieg ist. Im Gegenteil stellte Kaschewarowa sich selbst und den tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow als „wütende Patrioten“ dar. Die beiden forderten die Absetzung des für diesen Frontabschnitt verantwortlichen Generaloberst Alexandr Lapin. Die Probleme in Lyman seien schon vor zwei Wochen gemeldet worden, erklärte Kadyrow auf seinem Telegram-Kanal. „Eine Woche später verlegt Lapin seinen Stab nach Starobilsk, mehr als 100 Kilometer von seinen Untergebenen entfernt, und verdrückt sich selbst nach Luhansk. Wie kann man operativ seine Einheiten befehligen, wenn man sich 150 Kilometer entfernt befindet.“

          Während Putin seine nuklearen Drohungen bisher im Ungefähren ließ und in seiner Rede am Freitag von „allen zur Verfügung stehenden Mitteln“ sprach, äußerte sich der tschetschenische Machthaber expliziter: „Ich persönlich bin der Meinung, dass wir drastischere Maßnahmen ergreifen müssen, bis hin zur Verhängung des Kriegsrechts in den Grenzgebieten und zum Einsatz von Atomwaffen mit geringer Sprengkraft.“ Kadyrows Äußerungen machen deutlich, dass die ukrainische Befreiungssymbolik die Wirkung auf die Hardliner auf der russischen Seite nicht verfehlen. „Gestern gab es eine Parade in Isjum, heute eine Fahne in Lyman, und morgen was? Es wäre alles in Ordnung, wenn es nicht so schlimm wäre“, schrieb Kadyrow.

          Eigentlich hätten die „wütenden Patrioten“ Kaschewarowa und Kadyrow ihre Kritik an den russischen Präsidenten selbst richten müssen. Das amerikanische Institute for the Study of War (ISW) schreibt nämlich, dass die Niederlage in Lyman „mit ziemlicher Sicherheit“ auf eine Entscheidung Wladimir Putins zurückgehe, den Frontabschnitt im Nordosten der Ukraine nicht zu verstärken. Stattdessen habe für Putin das Halten von besetztem Territorium in den südukrainischen Gebieten Cherson und Saporischschja höhere Priorität. Mit Blick auf die nukleare Drohung Kadyrows schreibt das ISW, das russische Militär sei „in seinem derzeitigen Zustand mit ziemlicher Sicherheit nicht in der Lage, auf einem nuklearen Schlachtfeld zu operieren“. Zur Kritik der Hardliner schreibt das ISW, diese könnte im Sinne des Kremls personelle Veränderungen vorbereiten – so wie von den „wütenden Patrioten“ gefordert.

          Am Samstag erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau, die russischen Streitkräfte seien in Lyman wegen der Gefahr einer Einkesselung abgezogen worden. Zuvor hatten ukrainische Stellen von rund 5000 eingekesselten russischen Soldaten gesprochen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verkündete am Sonntagmittag, die Stadt sei von den Besatzern „vollständig geräumt“. Weiterhin unklar ist, wie viele russische Soldaten in Lyman getötet oder in Gefangenschaft geraten sind. Mit der Befreiung der nördlichsten Stadt im Gebiet Donezk eröffnet sich für die ukrainische Armee die Möglichkeit, in das vorübergehend vollständig russisch kontrollierte Gebiet Luhansk vorzustoßen. Auch Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) nannte nach ihrem Überraschungsbesuch in der Ukraine die Einnahme Lymans einen „riesigen Erfolg“ für die Ukraine. Allerdings sei dies noch kein Wendepunkt. „Wir müssen leider damit rechnen, dass dieser Krieg noch Wochen und Monate dauert.“

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