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Vormarsch der Terrormiliz IS : Deutscher Dschihadist verübt Selbstmordanschlag im Irak

  • -Aktualisiert am

Trauer in Schuala, einem Vorort Bagdads, nach einem weiteren Attentat Bild: dpa

Auch im Irak gelingt es nicht, den Vormarsch des „Islamischen Staats“ zu stoppen. Die Terrormiliz erzielt Geländegewinne trotz Luftangriffen. Offenbar hat sich bei einem Selbstmordanschlag in der Provinz Diyala auch ein deutscher Dschihadist in die Luft gesprengt.

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          Im Irak gelingt es nicht, den Vormarsch des „Islamischen Staats“ zu stoppen. Kämpfer der sunnitischen Terrorgruppe brachten am Sonntag weitere Teile des westirakischen Anbar in ihre Gewalt; nahe Ramadi wurde der Polizeichef der an Syrien angrenzenden Provinz ermordet. In der Provinz Diyala nordöstlich von Bagdad gelang es den Dschihadisten mit dem Einsatz von drei Selbstmordattentätern, kurdische Peschmerga-Einheiten zurückzuschlagen, die einen Durchbruch des IS Richtung iranischer Grenze seit Juni verhindert haben. Außerdem dürfte die Terrorgruppe hinter einer Serie von Anschlägen stecken, die am Samstag schiitische Viertel von Bagdad erschütterten; mindestens 45 Menschen wurden dabei getötet.

          Bei den Selbstmordanschlägen in Qara Tappah in der Provinz Diyala wurden 29 kurdische Kämpfer getötet. An einem dieser Anschlägen soll nach übereinstimmenden Angaben von Dschihadisten und Kurden auch ein deutscher Staatsbürger beteiligt gewesen sein. Die kurdische Gorran-Partei meldete über den Kurznachrichtendienst Twitter, es habe sich bei den Attentätern um einen Deutschen, einen Türken und einen Tunesier. Die Anschläge richteten sich gegen das Rathaus der Stadt, gegen ein Gebäude kurdischer Sicherheitskräfte sowie gegen das örtliche Büro der Kurdenpartei Patriotische Union Kurdistans, wie der bei einem der Attentate leicht verletzte Bürgermeister Wahab Ahmed berichtete.

          Qara Tappah liegt unweit der Frontstadt Dschalala, dem östlichsten Ort im Irak, den die Kämpfer von IS-Führer Abu Bakr al Bagdadi seit Beginn ihrer Offensive vor vier Monaten einnehmen konnten. Dort stehen sie kurdischen Kämpfern gegenüber. Weiter westlich und südlich, in Takrit und Baquba, haben schiitische Milizen gemeinsam mit der irakischen Armee bislang relativ erfolglos versucht, im Juni verloren gegangene Gebiete von den Dschihadisten zurückzuerobern.

          Terrormiliz mit Geländegewinnen trotz Luftangriffen

          Um die in die Defensive geratenen Regierungseinheiten in Anbar zu unterstützen, bombardierten amerikanische und niederländische Kampfflugzeuge am Wochenende Stellungen der Terrorgruppe. Einheiten der siebten Armeedivision sind dort seit Beginn des Monats heftigen Angriffen der Dschihadisten ausgesetzt. Auch Einheiten der achten und neunten Division rund um Falludscha und Ramadi schaffen es seit Anfang des Monats kaum noch, ihre Positionen gegen die IS-Kommandos zu halten. 3000 Dschihadisten sollen seitdem in die Provinz eingerückt sein, die schon vor zehn Jahren das Zentrum eines sunnitischen Aufstands gegen amerikanische Bestatzungstruppen bildete. Da der „Islamische Staat“ mehrere Grenzübergänge kontrolliert, konnte er Nachschub aus seinen syrischen Hochburgen Deir al Zor und Raqqa in den Irak bringen.

          In Bagdad hieß es am Sonntag, die Bombenanschläge in schiitischen Vierteln der Hauptstadt seien eine Reaktion auf das amerikanische Vorgehen gegen den „Islamischen Staat“ in Anbar. In der an Syrien angrenzenden Provinz war es den IS-Kämpfern Anfang des Jahres gelungen, Falludscha und Teile der Hauptstadt, Ramadi, unter ihre Kontrolle zu bringen. Seit zwei Wochen machen die militanten Islamisten erhebliche Geländegewinne; der Gouverneur verhängte deshalb am Wochenende eine nächtliche Ausgangssperre. Innerhalb von zehn Tagen könnte es den Extremisten gelingen, ganz Anbar zu kontrollieren, sagten Mitarbeiter des Gouverneurs dem qatarischen Nachrichtensender Al Dschazira. Die Situation im Irak sei so bedrohlich, dass nur der Einsatz ausländischer Bodentruppen einen Ausweg biete.

          Die Dschihadisten töteten am Sonntag den Polizeichef der Provinz am Stadtrand von Ramadi bei einem Bombenanschlag. Umkämpft war auch Abu Ghraib im Westen Bagdads. Bereits seit Januar kontrolliert der „Islamische Staat“ Falludscha, das nur sechzig Kilometer westlich der Hauptstadt liegt. „Unsicher“ sei die Lage dort, sagte ein amerikanischer Offizier der Nachrichtenagentur AFP. Nur dank Dutzender Luftschläge amerikanischer Kampfflieger und Drohnen sei es den Regierungseinheiten bislang gelungen, den Fall Ramadis und des strategisch wichtigen Haditha-Staudamms zu verhindern. Auf einen möglichen Vormarsch des „Islamischen Staats“ auf die Hauptstadt ist die Regierung des neuen Ministerpräsidenten Haider al Abadi nach Medienberichten vorbereitet.

          Anders als im Nordirak, wo es den kurdischen Peschmerga seit Beginn der amerikanischen Luftangriffe im August gelungen ist, mehrere vom „Islamischen Staat“ eingenommene Orte zurückzuerobern, ist die irakische Armee kaum in der Lage, ihre eigenen Stellungen zu halten. Besonders bedroht sind die Regierungseinheiten nicht nur in Anbar, sondern auch in Baidschi. Auf Bitten von Haiders Kabinett warf die amerikanische Luftwaffe dort am Wochenende Tausende Nahrungsmittelpakete und mehr als 7000 Kilogramm Munition ab. Das Zentrum der Stadt am Euphrat steht unter Kontrolle der Terrorgruppe, nur die Erdölraffinerie am Ortsrand wird noch von der Armee gehalten.

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