https://www.faz.net/-gpf-7t9r5

Vormarsch der Taliban : Artilleriefeuer vor den Toren von Kundus

Die Rivalitäten zwischen dem Wahlsieger Ghani (links) und Abdullah erschweren die Situation in Kundus. Bild: AFP

Unweit des früheren Bundeswehrlagers im Norden Afghanistans sind die Taliban auf dem Vormarsch. Ihnen hilft vor allem das politische Geschacher in Kabul.

          3 Min.

          Das Bild zeigt einen Talibankämpfer auf einem aus Sandsäcken errichteten Wachturm, der offenbar zu einem Außenposten der afghanischen Sicherheitskräfte gehört. Hinter dem Mann weht die weiße Flagge des Islamischen Emirats Afghanistan, des 2001 gestürzten Regimes der Taliban. Laut dem Nachrichtenportal „Spiegel Online“ zeigt das Propagandafoto das Polizeihauptquartier des Distrikts Char Darah in der Provinz Kundus, das Bundeswehrsoldaten bis vor einem Jahr regelmäßig als Vorposten für Operationen in der Region genutzt hatten. Sind die Taliban also wieder auf dem Vormarsch, wo vor nicht allzu langer Zeit die Deutschen für die Sicherheit zuständig waren?

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die Polizei in Kundus bestreitet das. Ihr Sprecher Sarwar Husseini sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das Foto sei nicht in der Provinz aufgenommen worden. Denn weder dieser noch andere Polizeiposten in der Provinz seien von den Taliban überrannt worden. Allerdings neigen die afghanischen Behörden in diesen politisch heiklen Zeiten dazu, die tatsächliche Lage zu verharmlosen. Beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr meint man, den Wachturm wiederzuerkennen: „Er sieht aus wie eine Befestigungsanlage der Bundeswehr, wie wir sie gebaut haben“, sagt ein Sprecher in Potsdam. Wo sie sich befinde, könne man aber nicht sagen.

          Fakt ist, dass es in den vergangenen Wochen in der Provinz Kundus zu heftigen Kämpfen zwischen Aufständischen und afghanischen Sicherheitskräften gekommen ist, vor denen Tausende Bewohner geflohen waren. Zuvor waren die seit Jahren umkämpften Distrikte Char Darah und Khanabad „fast vollständig unter Taliban-Kontrolle gefallen“, heißt es in einem noch unveröffentlichten Bericht der Denkfabrik „Afghanistan Analysts Network“. Und auch in Distrikten, in denen der Einfluss der Taliban bislang eher gering war, hätten sie „intensive, anhaltende Offensiven“ vorangetrieben.

          Kämpfe in Kundus haben symbolische Bedeutung

          Zudem waren die Aufständischen aus mehreren Richtungen auf die Provinzhauptstadt vorgerückt. „Sie standen nur wenige Kilometer vor Kundus“, sagt Abdullah Rasuly, der Direktor eines Netzwerks zivilgesellschaftlicher Organisationen in Kundus, der daraufhin in der afghanischen Presse Alarm schlug. Als die dramatische Situation nicht länger zu verheimlichen war, schickte die afghanische Armee vor gut zwei Wochen Verstärkung. Noch vor einer Woche tobten im unmittelbaren Umkreis der Provinzhauptstadt heftige Kämpfe. Die Bewohner konnten den Raketen- und Artilleriebeschuss bis ins Stadtzentrum hören. Der Bericht des „Afghanistan Analysts Network“ kommt zu dem Schluss: „Das letzte Mal, dass die Taliban so nah daran waren, die Provinzhauptstadt zu übernehmen, war 1997.“ Damals eroberten sie die strategisch wichtige Provinz, die fortan das Machtzentrum des Islamisten-Regimes im Norden wurde – bis zu dessen Sturz 2001. Auch wegen dieser Vorgeschichte sind die Kämpfe in Kundus von symbolischer Bedeutung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Angela Merkel mit Markus Söder und Michael Müller (im Vordergrund)

          Neue Corona-Beschlüsse : Der zweite Lockdown, der keiner ist

          Dieses Mal folgen die Länder dem harten Kurs der Kanzlerin. Auch wer das ablehnt, kann nicht wollen, was ohne Beschränkungen droht: ein Kontrollverlust, der über das Gesundheitswesen hinausgeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.