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Nobelpreisträger Abiy Ahmed : Der Versöhner steht vor schwierigen Herausforderungen

„Horizont der Hoffnung“: Abiy Ahmed im Oktober 2018 im Elysée-Palast in Paris Bild: damien lafargue/pool/REA/laif

Für die Verleihung des Friedensnobelpreises an den äthiopischen Ministerpräsident Abiy Ahmed gibt es viel Lob. In seinem Heimatland gerät der Hoffnungsträger des Kontinents aber unter Druck.

          4 Min.

          Zum zweiten Mal in Folge erhält ein Afrikaner den Friedensnobelpreis. Während im vergangenen Jahr der kongolesische Arzt Denis Mukwege – neben der irakischen Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad – ausgezeichnet wurde, wird in diesem Jahr der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed geehrt. Er setzte sich gegen 222 weitere nominierte Persönlichkeiten und 78 Organisationen durch. Wichtigster Grund für die Ehrung sei der Friedensschluss mit dem Nachbarland Eritrea, teilte das Norwegische Nobelkomitee am Freitag in Oslo mit.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Äthiopien „als Nation ist stolz“, dass der Ministerpräsident den Nobelpreis erhalten habe, schrieb das Büro des Staatschefs auf Twitter, kurz nachdem das Nobelkomitee die Ehrung bekanntgegeben hatte. Der „Sieg und die Anerkennung“ seien „eine Aufforderung, die Anstrengungen zu verstärken, aus Äthiopien eine wohlhabende Nation für alle zu machen“ – immerhin sei das Land „ein Horizont der Hoffnung“. Abiy Ahmed selbst sagte in einem Telefonat mit dem Nobelkomitee: „Der Preis wurde Afrika verliehen, er wurde Äthiopien verliehen.“ Gelobt wurde die Entscheidung für den 43 Jahre alten Äthiopier auch im Ausland.

          Abiy Ahmed ist erst seit April 2018 an der Macht – und schon im Juli jenes Jahres unterzeichneten die Regierungen der Erzfeinde Eritrea und Äthiopien einen Friedensvertrag. Es war Abiy Ahmed gewesen, der auf den eritreischen Diktator Issaias Afewerki zugegangen war. Als die beiden das Dokument unterzeichnet hatten, erklärte Abiy mit Freudentränen in den Augen, es gebe nun „keine Grenze mehr zwischen Äthiopien und Eritrea“. Eine „Brücke der Liebe“ habe sie zerstört.

          Außenpolitischer Friedensstifter

          Binnen weniger Monate hatte er damit einen Konflikt beendet, der zuvor mehr als 100.000 Todesopfer gefordert hatte. Zwischen 1998 und 2002 hatten Soldaten beider Staaten um Ödland im Grenzgebiet gekämpft. Zwar schwiegen seitdem die Waffen; der Kriegszustand war allerdings nie offiziell beendet worden. Während sich Abiy Ahmeds Vorgänger Meles Zenawi und Hailemariam Desalegn geweigert hatten, ein in Den Haag ausgehandeltes Friedensabkommen zu unterzeichnen, welches das Grenzgebiet dem nördlichen Nachbarn zusprach, erklärte erst Abiy, er werde keine Ansprüche auf das umstrittene Gebiet anmelden.

          Auch zu den Regierungen anderer Nachbarländer suchte Abiy Ahmed schnell Kontakt. Dabei ist der Osten Afrikas die wohl am schwierigsten zu befriedende Region in einem an Konflikten reichen Kontinent. In Somalia, Äthiopiens östlichem Nachbarn, herrschen seit dem Zusammenbruch des Regimes von Diktator Siad Barre im Jahr 1991 Terror, Anarchie und Hungersnöte. Viele Somalier leben zudem im Ogaden genannten Osten Äthiopiens und klagen über Unterdrückung durch die Zentralregierung in Addis Abeba. Seit 1984 kämpft hier die Ogaden National Liberation Front für eine Vereinigung mit Somalia. Unter Abiy haben Äthiopien und Somalia nun erstmals eine regionale Kooperation vereinbart. Somalias Präsident Mohammed Farmajo gehörte am Freitag zu den ersten Gratulanten.

          Im Westen Äthiopiens liegen die beiden Krisenstaaten Sudan und Südsudan. Jahrzehntelang verwüsteten Bürgerkriege die Region; sie sollen zwischen zwei und drei Millionen Opfer gekostet haben. Hunderttausende Südsudanesen flüchteten erst in den vergangenen Jahren vor der Gewalt in ihrer Heimat nach Äthiopien. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde im Süden ein Waffenstillstand unterzeichnet – allerdings wird er ständig gebrochen. Im November nun wollen die Kontrahenten Salva Kiir, derzeitiger Präsident von Südsudan, und Riek Machar, ehemaliger Vizepräsident, eine gemeinsame Regierung bilden.

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