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Fehltritt im Krankenhaus : Boris Johnson ficht nichts an

Zuversichtlich: Britischer Premierminister Boris Johnson beim Fabrikbesuch am Dienstag Bild: Bloomberg

Der britische Premierminister patzt, als ihm ein Foto eines Vierjährigen gezeigt wird, der im Krankenhaus auf dem Boden liegen muss. Doch die Opposition kann daraus nicht so recht Kapital schlagen.

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          Wochenlang hatten Boris Johnsons Gegner auf den großen Fehltritt gewartet, aber der für seine Extravaganzen bekannte Premierminister tat ihnen diesen Gefallen nicht. Dann, nur drei Tage vor der Wahl, passierte die Sache mit dem kleinen Jack, und nun stürzt sich die Labour Party mit aller Kraft darauf. Was war geschehen? Johnson hatte am Montag ein Krankenhaus besucht und dort ein Fernsehinterview gegeben. Doch der Reporter des Privatsenders ITV wollte nicht hören, wie die Konservativen den Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) noch effektiver machen würden – er konfrontierte Johnson mit einem Handy-Foto aus der Notaufnahme.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Es zeigte den vier Jahre alten Jack Williment-Barr, der mit Verdacht auf Lungenentzündung in die Klinik gebracht wurde, dort aber aus Platzmangel auf den Flur gelegt worden war. Mehrmals forderte der Reporter den überrumpelten Premierminister auf, sich das Bild des notdürftig zugedeckten Kleinkinds mit der Sauerstoffmaske anzusehen, aber der weigerte sich. Stattdessen sagte Johnson, „dass die Patienten im Allgemeinen eine sehr viel bessere Erfahrung machen als Jack“, bis er merkte, dass dies der Situation nicht angemessen war. Als er doch noch „jede erdenkliche Anteilnahme“ äußerte, war der Schaden schon angerichtet.

          Labour gegen den „herzlosen Mann“

          Johnson habe „einfach kein Mitgefühl“, sagte Labour-Chef Jeremy Corbyn und nutzte die Affäre, um am Dienstag der Regierung die Unterfinanzierung des NHS vorzuwerfen. Der Labour-Politiker John McDonnell bezeichnete Johnson sogar als „herzlosen Mann“, der sich „für nichts und niemanden interessiert außer sich selbst“. Labour-nahe Zeitungen wie der „Guardian“ und der „Daily Mirror“ bildeten Jack auf ihren Titelseiten ab.

          Ist das der „game changer“, der den von der Opposition erhofften Stimmungsumschwung bringt? Danach sah es am Dienstag nicht aus. Man redete nicht über Boris, den Menschenfeind, sondern über Boris, den Charmeur. In einem Wahlkampfspot hatte er eine Szene aus dem Filmklassiker „Love Actually“ parodiert und damit maximale Aufmerksamkeit im Netz erreicht. Hinzu kam die heimlich mitgeschnittene Klage eines Labour-Schattenministers, der einen Sieg Corbyns ausschloss und schon über einen „halbwegs anständigen“ Nachfolger fabulierte.

          Premierminister Johnson darf auch kurz vor der Wahl zuversichtlich bleiben. Vor sechs Wochen startete seine Partei in Umfragen mit einem zehnprozentigen Abstand vor der Labour Party, sah diesen kurzzeitig schrumpfen und baute ihn unlängst wieder aus. In einigen Umfragen liegen die Konservativen nun sogar 14 Prozentpunkte vorn, was eine satte Unterhausmehrheit bedeuten würde. Johnson erhofft sich einen Vorsprung von mehr als zwei Dutzend Sitzen. Nur dann wäre er sicher vor den etwa zwanzig „Spartanern“ in seiner Fraktion, die sich einen harten Brexit wünschen und von Handelsgesprächen in Brüssel erwarten, dass sich das Vereinigte Königreich möglichst weit von den EU-Regeln entfernt.

          Die positiven Umfragewerte machen Johnsons Team aber auch zu schaffen: Sie könnten konservative Wähler davon abhalten, am Donnerstag, für den schlechtes Wetter vorausgesagt ist, das Haus zu verlassen. Immer wieder erklärt Johnson, ein Sieg stehe auf Messers Schneide. Angesichts des britischen Mehrheitswahlrechts ist die Sorge nicht unberechtigt. Mehrere Anti-Brexit-Organisationen haben sich mit taktischen Empfehlungen an die Wähler gewandt. Im Internet rufen sie dazu auf, in ausgewählten Wahlkreisen für jenen „Remain-Kandidaten“ zu stimmen, der die besten Chancen hat – in einigen Stimmbezirken gehört der den Liberaldemokraten an, in anderen der Labour Party, in Schottland und Wales zuweilen auch den dortigen Nationalisten. Doch der Berg ist steil: Laut eines der Modelle müssten 40.000 Wähler in 36 umkämpften Wahlkreisen ihr Stimmverhalten ändern, um Johnsons Mehrheit zu brechen.

          Die schwache Hoffnung der Brexit-Gegner liegt in der aktuellen Konstellation der Parteienlandschaft. Keine andere Fraktion ist bereit, eine konservative Regierung zu unterstützen. Selbst wenn Johnson mit Abstand die meisten Stimmen erhielte, aber unterhalb der absoluten Mehrheit bliebe, wäre er besiegt. Denn andersherum würde schon eine minimale Mehrheit der Oppositionsparteien einen Regierungswechsel ermöglichen. Eine Minderheitsregierung der Labour Party, die von den anderen Fraktionen toleriert würde, könnte zumindest so lange halten, bis das gemeinsame Ziel durchgesetzt wäre: ein zweites Referendum mit dem Ziel, den Brexit doch noch zu verhindern.

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