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Vor der Parlamentswahl : Israels unentschlossene Jugend

Vom Zeltlager ins Parlament? Stav Schaffir von der Arbeiterpartei macht Wahlkampf Bild: REUTERS

Eine Woche vor der Wahl wissen viele Israelis noch nicht, wen sie wählen sollen. Linke Parteien wollen an die Proteststimmung von 2011 anknüpfen, gerade junge Menschen wenden sich aber von ihnen ab.

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          Hillel weiß nur, dass er links wählen wird. Welcher Partei er seine Stimme gibt, hat der 20 Jahre alte Israeli noch nicht entschieden. Er nippt nachdenklich an seinem Kaffee und geht ein weiteres Mal seine Optionen durch. „Vor einiger Zeit bin ich der Arbeiterpartei beigetreten. Aber ich finde auch die linksliberale Meretz-Partei und die neue Antikorruptionspartei Eretz Hadascha interessant. Ich weiß einfach noch nicht, was ich tun werde“, sagt der junge Israeli, der zum ersten Mal wählen wird. Eine Woche vor der vorgezogenen Parlamentswahl geht es vielen in Israel wie Hillel: Bis zu 25 Prozent haben noch nicht entschieden, welcher Partei sie den Vorzug geben wollen. So hoch war der Anteil der Unentschlossenen kurz vor der Wahl selten zuvor.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Unter den Leuten, die ich kenne, denken alle, dass Benjamin Netanjahu sowieso wieder gewinnt“, sagt Hillel über seine Altersgenossen. Auch er hat kaum Zweifel daran. Trotzdem hat er sich im Internet über die Kandidaten informiert und verfolgt ihre Aktivitäten auf den Facebook-Seiten. Politik ist ihm spätestens seit eineinhalb Jahren nicht mehr gleichgültig. Hillel war dabei, als im Sommer 2011 in Jerusalem Demonstranten die ersten Zelte aufschlugen. „Alle hatten das Gefühl, es würde sich wirklich etwas ändern“, erinnert er sich an die Wochen der Sozialproteste, denen sich später Hunderttausende Israelis anschlossen. Aber danach sei nichts geschehen. Statt für die linken Parteien, die sich die Themen der Protestbewegung zu eigen machten, begeisterten sich viele Gleichaltrige eher für das rechtsreligiöse „Jüdische Heim“, beobachtet Hillel. Für die 19 Jahre alte Ronit zum Beispiel kommt der Parteivorsitzende Naftali Bennett auf jeden Fall in die engere Wahl. „Meine Familie wählt eigentlich immer die Likud-Partei. Aber ich finde Netanjahu langweilig“, gibt sie zu. Sie hält es für richtig, dass Naftali Bennett dafür kämpft, dass Israelis wieder stolz auf ihr Land sein können - und gleichzeitig gegen hohe Mieten und Preise. Links der Mitte gibt es für sie keinen akzeptablen Kandidaten. Noch ist Ronit sich gar nicht sicher, ob sie überhaupt am 22. Januar zur Wahl geht.

          „Als wir aufwachten, war alles wieder beim Alten“

          Die Sorge, dass die jungen Wähler zu Hause bleiben könnten, hat auch die israelische Regierung erfasst. Staatspräsident Schimon Peres, der im Sommer 89 Jahre alt wird, hat im Internet auf seiner Facebook-Seite eine eigene Kampagne begonnen: Unterstützt von einem beliebten Komiker, fordert er die Wahl-Neulinge dazu auf, vier Freunde „einzuladen“, wählen zu gehen. Mit einer Smartphone-Applikation können sie dann auch überprüfen, ob sie am Wahltag tatsächlich im Wahllokal waren.

          Noch vor einem Jahr wollte Stav Schaffir von Politik nichts wissen. An diesem Abend hat sie ein blaues Kostüm angezogen und trägt dazu Stiefeletten mit Absatz. In Tel Aviv wirbt Stav Schaffir um Stimmen für die Arbeiterpartei und gibt sich siegesgewiss, als wäre sie eine routinierte Politikerin: Sie werde die jüngste Abgeordnete sein, die bisher in die Knesset einzog, sagt die 27 Jahre alte Kandidatin, die die meisten Israelis noch ganz anders in Erinnerung haben. Stav Schaffir gehörte zu den Ersten, die im Sommer 2011 auf dem Tel Aviver Rothschild-Boulevard ihre Zelte aufschlugen. Auch sie hatte zuvor ewig nach einer bezahlbaren Wohnung gesucht - wie viele andere Israelis auch. Schon bald waren ihre langen roten Locken aus dem Zeltlager nicht mehr wegzudenken. Sie wurde über Nacht eine der wichtigsten Sprecherinnen der Demonstranten.

          „Wir haben die größte Sozialbewegung in Israel auf die Beine gestellt, aber als wir am nächsten Morgen aufwachten, war wieder alles beim Alten“, sagt Stav Schaffir und meint damit die Demonstrationen im ganzen Land, denen sich im September 2011 mehr als 400.000 Israelis anschlossen. Als die Proteste folgenlos blieben, hatte die junge Frau monatelang mit sich gerungen. Seit dem vergangenen Herbst steht ihr Name auf Platz acht der Liste der Arbeiterpartei, der Meinungsforscher bis zu 20 Mandate vorhersagen. Auch der frühere Studentenführer Itzik Schmuli kandidiert auf dem ebenfalls sicheren elften Listenplatz für die Partei.

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