https://www.faz.net/-gpf-9oqct

Rettungsschiff im Mittelmeer : Auch die „Alan Kurdi“ nimmt Kurs auf Lampedusa

Auch die „Alan Kurdi“ nimmt mit ihren 65 Flüchtlingen an Bord nun Kurs auf den Hafen von Lampedusa. Bild: SEA-EYE

Die „Alan Kurdi“, die am Freitag 65 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer aufgenommen hatte, steuert auf den Hafen von Lampedusa zu. Dabei hatte das italienische Innenministerium zuvor die Sperrung seiner Häfen und Hoheitsgewässer bekräftigt.

          Das Rettungsschiff „Alan Kurdi“ nimmt Kurs auf Lampedusa. Das hat die Crew um Einsatzleiter Gorden Isler am Freitagabend entschieden. Derzeit ist das Schiff noch etwa 80 Meilen vom Hafen der zu Italien gehörenden Insel entfernt, eine Ankunft wird für den frühen Samstagmorgen angepeilt. Unterdessen ruft die „Alan Kurdi“ die Seenotleitstellen in Rom und Valletta um Hilfe an.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Zuvor hatte das italienische Innenministerium am Freitagnachmittag die Sperrung italienischer Hoheitsgewässer sowie italienischer Häfen für das Rettungsschiff der Regensburger Hilfsorganisation „Sea Eye“ bekräftigt. Das Schiff, das am Morgen vor der Küste Libyens 65 Bootsflüchtlinge von einem überfüllten Schlauchboot aufgenommen hatte, solle Häfen auf Malta oder in Tunesien anlaufen, hieß es aus dem Palazzo Viminale, dem Amtssitz des Innenministers in Rom.

          Außerdem wurde die Besatzung des Segelschiffes „Alex“ der italienischen Hilfsorganisation „Mediterranea“ mit 53 Migranten an Bord vom Innenministerium aufgefordert, Kurs auf Malta zu nehmen. Die maltesische Regierung habe die Aufnahme der Bootsflüchtlinge zugesagt. Am Freitagnachmittag lag die „Alex“ etwa zwölf Seemeilen vor Lampedusa. Die Flüchtlinge an Bord hatte das Segelschiff am Donnerstag vor der Küste Tunesiens aufgenommen. Die Besatzung teilte mit, man sei nicht in der Lage, mit so viel Migranten an Bord die rund hundert Meilen lange Fahrt nach Valletta auf Malta aufzunehmen. Wasser und Nahrungsmittel seien knapp, zudem müssten die meisten Migranten, unter denen sich schwangere Frauen befänden, in der prallen Sonne auf Deck ausharren.

          Das Verteidigungsministerium in Rom signalisierte am Nachmittag die Bereitschaft, ein Schiff der italienischen Kriegsmarine zur „Alex“ zu schicken, um die Migranten vor Lampedusa an Bord zu nehmen und nach Malta zu bringen. Unklar blieb, ob Rom bereit ist, im Gegenzug für die Aufnahme der Migranten von der „Alex“ von Malta die gleiche Zahl von Flüchtlingen zu übernehmen.

          Die von der „Alan Kurdi“ durchgeführte Rettung fand unterdessen 34 Seemeilen entfernt von der libyschen Hafenstadt az-Zawiya und damit in der Such- und Rettungszone, die unter die Zuständigkeit der Libyer fällt, statt. Nach mehr als fünf Stunden hat die libysche Seenotleitstelle schließlich der „Alan Kurdi“ az-Zawiya als „sicheren Hafen“ angeboten. Diesen haben Einsatzleiter und Kapitän unter Verweis auf internationale Bestimmungen wie die SAR-Konvention und das Genfer Flüchtlingsabkommen jedoch abgelehnt. Die Geretteten seien dort nicht in Sicherheit. In Libyen herrscht Krieg, und erst vor wenigen Tagen wurde dort ein Flüchtlingslager bombardiert.

          Auch Tunesien hatte Einsatzleiter Isler frühzeitig als Anlegeort ausgeschlossen. Ein wichtiger Grund sei, dass die Geflüchteten in dem Land kein Asyl beantragen könnten. Zudem käme es dort zu willkürlichen Verhaftungen von Migranten und auch Homosexualität stehe dort unter Strafe. „Wir können an Bord nicht beurteilen, ob jeder einzelne hier an Bord in Tunesien in Sicherheit wäre“, sagt er. In der Vergangenheit waren die Häfen Tunesiens für Seenotretter meist geschlossen. Wenn, durften sie nur unter der Bedingung einlaufen, dass die Geretteten direkt wieder in ihr Heimatland abgeschoben werden. Auch im Fall um die „Sea-Watch 3“-Kapitänin Carola Rackete hat eine italienische Richterin festgestellt, dass neben Libyen auch Tunesien kein sicherer Ort für die Geretteten gewesen wäre.

          Von den 65 Menschen, die die „Alan Kurdi“ an Bord genommen hat, sind 39 minderjährig. Der Jüngste ist erst zwölf Jahre alt. Insgesamt stammen sie aus zwölf verschiedenen Ländern, 48 kommen aus Somalia, sechs aus Sudan, die Übrigen aus Libyen, Kamerun, Südsudan, Mali, Tschad, Nigeria, Benin, der Elfenbeinküste und Guinea-Bissau.

          Innenminister Matteo Salvini reagierte am Nachmittag mit provozierender Gelassenheit auf die Nachricht, wonach die Anwälte der deutschen Kapitänin Carola Rackete Verleumdungsklage gegen ihn einreichen wollten. Auf Twitter schrieb Salvini über Rackete: „Sie verstößt gegen Gesetze und greift italienische Militärangehörige an – und jetzt verklagt sie mich. Ich lasse mich nicht von Mafiosi einschüchtern, noch weniger von einer reichen und verwöhnten deutschen Kommunistin! Küsschen.“

          Helfer der „Alan Kurdi“ bringen die Geretteten an Bord. Bilderstrecke

          Racketes Anwalt Alessandro Gamberini hatte Freitagmittag im italienischen Rundfunk wissen lassen, die Verleumdungsklage sei vorbereitet. Es sei nicht leicht gewesen, alle Beleidigungen zu erfassen, die Salvini in der vergangenen Woche gegen Rackete ausgesprochen habe. Salvini hatte Rackete unter anderem als „Nervensäge“ bezeichnet, die den Italienern „auf den Sack“ gehe und der „kriminellen Kapitänin“ vorgeworfen, sie habe versucht, „fünf italienische Militärangehörige zu töten“. Racketes Anwalt bezeichnete die Verleumdungsklage als „Signal“. Salvini genießt als Senator und als Regierungsmitglied Immunität vor Strafverfolgung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Unwettern : Verkehr in Teilen Deutschlands gestört

          Ein starkes Unwetter sorgt in Teilen Deutschlands für Störungen und Ausfälle im Bahnverkehr. Auch auf vielen Autobahnen gibt es massive Behinderungen. Am Frankfurter Flughafen wird die Abfertigung zwischenzeitlich eingestellt.
          Tenor seiner Aussagen: „Ibiza“ war peinlich, aber nichts Unrechtes sei gesagt worden, „ich habe eine saubere Weste.“ – Heinz-Christian Strache

          Strache und die FPÖ : „Ich habe eine saubere Weste“

          Die Zukunft der skandalträchtigen FPÖ ist nach dem „Ibiza“-Skandal um Heinz-Christian Strache weiter ungewiss. Die Razzien bei FPÖ-Leuten bezeichnete er als ein politisch motivierten „Unrechtsakt“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.