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60 Jahre Konferenz von Bandung : Die Erfindung der „Dritten Welt“

Gründungsväter: Gastgeber Sukarno und Jawaharlal Nehru Bild: Picture-Alliance

Die ehemalige „Dritte Welt“ erinnert an ihren Gründungsmythos. Dabei hat sich in diesen 60 Jahren die Welt grundsätzlich verändert – frühere Entwicklungsländer brechen die westliche Dominanz auf.

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          Eine der einprägsamsten Begebenheiten der Bandung-Konferenz vor 60 Jahren war ein Spaziergang der Delegierten, einige von ihnen in ihrer Landestracht, zur Eröffnungsfeier. Um Verkehrsstaus zu vermeiden, hatten die indonesischen Organisatoren die Delegationen gebeten, den kurzen Weg von den Hotels über die extra umbenannte Jalan Asia Afrika in das Gedung Merdeka (Freiheitsgebäude), den Tagungsort der Konferenz, zu Fuß zurückzulegen. Unter den Fußgängern waren charismatische Staats- und Regierungschefs wie Indiens Jawaharlal Nehru, Chinas Tschou En-lai Enlai, Indonesiens Sukarno und Ägyptens Gamal Abdel Nasser.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die spontan wirkende Geste brachte der staunenden Bevölkerung die Staatsführer näher, sie bekamen Gelegenheit ihnen zuzuwinken, Fotos zu schießen und ihre Hände zu schütteln. Für die Presse brachte der Gang willkommenes Material, mit dem sie ihre Berichte über das Ereignis, auf das damals die gesamte Welt schaute, bebildern konnte.

          Doch nicht überall wurden die Berichte so positiv aufgenommen wie in den 29 Teilnehmerländern, davon 23 aus Asien und sechs aus Afrika. Vor allem die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion beobachteten die Zusammenkunft in dem idyllischen Luftkurort in Zentraljava mit Argwohn.

          Konferenz aus antikolonialer Haltung

          Schließlich war die Absicht der angereisten Entwicklungsländer, angesichts der Blockbildung im Kalten Krieg, eine neutrale Position einzunehmen. Dabei traten die unterschiedlichen Positionen und Allianzen auch bei dieser Konferenz offen zutage. Gleichwohl gelang es den Teilnehmern, Prinzipien festzuschreiben, die ihnen etwa untersagten, kollektive Verteidigungsabkommen „im Dienste der Interessen einer der Großmächte“ einzugehen.

          Aus diesem Geist heraus entwickelte sich dann etwas später auch die Bewegung der Blockfreien, die ihre erste Konferenz 1961 in Belgrad abhielt. Sie existiert auch heute noch, doch seit dem Ende des Warschauer Pakts hat sie erheblich an Sinn verloren.

          Die Asien-Afrika-Konferenz, die in Bandung vom 18. bis zum 24. April 1955 stattfand, war aber auch die erste Konferenz der ehemaligen Kolonien in Asien, die, anders als viele afrikanische Teilnehmer, schon die Unabhängigkeit erlangt hatten. Die Konferenz fand daher vor allem aus einer antikolonialen Haltung heraus statt. „Dies ist die erste interkontinentale Konferenz farbiger Völker in der Geschichte der Menschheit“, sagte Sukarno in seiner Eröffnungsrede. Die Bandung-Konferenz wird daher als Endpunkt der europäischen Kolonialzeit gewertet. In Afrika dürfte sie die Dekolonisation beschleunigt haben.

          „Die heutige Welt ist ganz anders“

          Für die Teilnehmerländer bürgerte sich auch der von einem Franzosen geprägte Begriff der „Dritten Welt“ ein. Er bezeichnete zunächst die Blockfreien, wurde später dann aber als Sammelbegriff für die unterentwickelten Länder Asiens, Afrikas, Süd- und Mittelamerikas verwendet. Wenn sich viele dieser Länder nun zum 60. Jahrestag der Konferenz noch einmal in Bandung treffen, gibt es diese „Dritte Welt“ jedoch nicht mehr. China und Indien gehören zu den größten Wirtschaftsmächten der Welt, Indonesien, Thailand, Vietnam und die Philippinen und auch einige afrikanische Länder sind in ihrer Region zu Wirtschaftsmächten avanciert.

          „Die heutige Welt ist ganz anders“, sagt auch Professor Amitav Acharya von der American University in Washington. Der Kolonialismus ist Geschichte, die Sowjetunion gibt es ebenfalls nicht mehr, der Kalte Krieg ist vorbei. Auch die Beschwörung der afrikanisch-asiatischen Solidarität, die ein Hauptthema in Bandung war, spiele kaum noch eine Rolle, sagt Andrew Phillips von der University of Queensland in Australien. Die Regionen hätten sich wirtschaftlich und geopolitisch sehr unterschiedlich entwickelt. China ist zwar in Afrika sehr präsent, wird dort aber teilweise eher als neokoloniale Macht gesehen denn als gleichberechtigter Partner.

          Die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag, die Indonesien nun mit viel Aufwand organisiert, dürften denn auch vor allem der Erinnerung an eine Zeit dienen, als wirtschaftlich schwächere Mächte einen positiven Einfluss auf das internationale System ausgeübt hätten, sagt Andrew Phillips. Für Indonesien markiert sie auch den Höhepunkt des indonesischen Einflusses auf die globale Politik. Daran würde der Inselstaat unter seinem neuen Präsidenten Joko Widodo gerne anknüpfen. In der „Vereinigung südostasiatischer Nationen“ (Asean) hat das Land schon eine Führungsrolle übernommen.

          Geopolitik der Großmächte

          So ist das Zusammentreffen auch nicht nur eine Nostalgieveranstaltung der ehemaligen „Dritten Welt“. „Bandung ist auf verschiedene Weise heute noch relevant“, sagt Professor Amitav Acharya. Es zeichne sich eine wachsende Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und China ab. Besonders die territorialen Spannungen im Ost- und Südchinesischen Meer stehen für diesen Konflikt.

          „Die Länder könnten versuchen, ihre eigene Stimme in dieser Geopolitik der Großmächte zu finden, anstatt mit einer Seite gegen die andere zu kämpfen“, sagt Amitav Acharya. Dabei gehe es nicht um eine neue Bewegung der Blockfreien, sondern darum, zu verhindern, dass die Region wieder in ein Spiel der Mächte hineingezogen wird.

          Bei der Neuauflage grüßt der neue Gastgeber, Indonesiens Präsident Joko Widodo, seinen chinesischen Gast, den Präsidenten Xi Jinping.
          Bei der Neuauflage grüßt der neue Gastgeber, Indonesiens Präsident Joko Widodo, seinen chinesischen Gast, den Präsidenten Xi Jinping. : Bild: Reuters

          Der Professor, der viele Jahre mit der Erforschung der Bandung-Konferenz verbracht und mehrere Bücher zum Thema geschrieben hat, sieht ihre Errungenschaften denn auch weniger darin, den Weg für die Bewegung der Blockfreien geebnet zu haben, als in ihrer Formulierung eines Verhaltenskatalogs der schwächeren Länder für die internationale Politik. Dieser orientierte sich stark an den nur wenige Jahre zuvor entwickelten Normen der Vereinten Nationen. Dabei waren einige Länder wie China zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal Mitglied der UN.

          Der Kodex wurde in den zehn Prinzipien der „Erklärung zur Förderung des Weltfriedens und der Kooperation“ festgeschrieben. Interessanterweise mahnte das erste dieser Bandung-Prinzipien die Achtung der Menschenrechte an, was der Annahme widerspricht, dass diese stets eine rein westliche Angelegenheit gewesen seien.

          Die Dominanz des Westens ist vorbei

          Zu den Prinzipien gehörten aber auch die Souveränität und territorialen Integrität, die Gleichberechtigung zwischen den Ländern, die Nichteinmischung sowie das Recht auf Verteidigung. Es sind Normen, die viele der Teilnehmerländer auch heute noch hochhalten: China pocht auf Nichteinmischung, Indonesien betont gern seine Unabhängigkeit, und die Diplomatie der Asean-Staaten ist ganz auf Konsens und Nichtkonfrontation ausgerichtet.

          Und auch heute gibt es wieder das Gefühl, dass die Länder Asiens und Afrikas eine eigene Stimme in der internationalen Politik finden müssen. Anders als damals verfügen sie diesmal aber nicht nur über die Kraft des Idealismus und der antikolonialen Rhetorik, sondern auch über eine wachsende ökonomische Bedeutung.

          „Der 60. Jahrestag der Bandung-Konferenz ist eine wirkmächtige Erinnerung daran, wie weit es die Teilnehmer gebracht haben“, sagt Professor Amitav Acharya. Die Botschaft der Neuauflage der Konferenz dürfte daher lauten: Es ist eine neue Ära angebrochen, Asien und Afrika streben nach oben, die Dominanz des Westens ist vorbei.

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