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Von Jerusalem nach Qubeibeh : Jesus käme nicht bis Emmaus

Die Schule, die mit Hilfe aus Deutschland und Österreich entstand, musste zu ihren Schülern kommen. Die Bethlehem-Universität ist die einzige palästinensische Ausbildungsstätte, deren Abschlüsse auch in Israel und im Ausland anerkannt werden. Obwohl Bethlehem keine dreißig Kilometer entfernt liegt, ist die Stadt aus Qubeibeh und den Dörfern rund um Ramallah praktisch unerreichbar. Der Weg über die schmale Straße durch das enge Nar-Tal, vorbei an einem israelischen Kontrollpunkt, dauert zu lange, um täglich zu pendeln.

„Bleib doch bei uns“

Viele Familien wollen nicht, dass ihre Töchter in Bethlehem ein Zimmer nehmen; oft können sie sich das neben den Studiengebühren einfach nicht leisten. Dabei ist es ein Beruf mit Arbeitsplatzgarantie: In den Krankenhäusern und den wenigen Heimen im Westjordanland und im arabischen Ostteil Jerusalems ist der Bedarf an gutausgebildetem Pflegepersonal groß. Die Absolventen des ersten Jahrgangs fanden sofort Arbeit, auch wenn das Studium hart war. Das lag nicht nur am Lehrplan. Auch für die Schüler bleibt der Weg von und nach Emmaus eine der größten Herausforderungen. Obwohl sie alle einen israelischen Passierschein haben, müssen sie zu den Lehrkrankenhäusern nach Ostjerusalem schon kurz nach vier Uhr morgens aufbrechen. Der Übergang in Qalandija ist unberechenbar, aber sie müssen pünktlich um acht Uhr in der Klinik sein.

„Manchmal komme ich mir hier vor wie ein Kettenhund, der nicht weiterkann als bis zum Zaun“, sagt Schwester Hildegard. Sie hat miterlebt, wie die Sperranlage Qubeibeh und die Nachbardörfer immer stärker einschnürten. Früher liefen sie und die anderen Schwestern in zwanzig Minuten über den nächsten Hügel hinüber ins Frauenkloster zum abendlichen Vesper-Gottesdienst im israelischen Ort Abu Gosh. Heute dauerte die Fahrt mehrere Stunden. Lange kämpften sie mit den israelischen Behörden darum, dass wenigstens das ausländische Heimpersonal und Besuchergruppen nicht den Umweg über Ramallah und Qalandija fahren müssen. Mit einer Sondergenehmigung der israelischen Armee dürfen sie ein kleines Tor im Zaun in der Nähe benutzen, das den Weg nach Jerusalem auf eine knappe Viertelstunde verkürzt.

Vom Turm der Franziskanerkirche neben der Krankenpflegeschule läuten die Abendglocken. Meist feiern die beiden Priester die Messe alleine. Als es den Zaun noch nicht gab, war Qubeibeh ein belebter Pilgerort. Auf dem Weg vom Tel Aviver Flughafen nach Jerusalem hielten dort täglich mehrere Busse. Die Besucher feierten an dem Ort Gottesdienst, an dem die beiden Jünger ihren geheimnisvollen Weggefährten aus Jerusalem mit den Worten aufgefordert haben sollen: „Bleib doch bei uns, denn es wird bald Abend.“ Erst als sie beim Abendessen sahen, wie Jesus das Brot brach, gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten den Auferstandenen. Laut dem Bericht des Evangelisten Lukas eilten sie sofort nach Jerusalem zurück, um den anderen Jüngern davon zu berichten. Heute würden sie, wie gesagt, nicht mehr rechtzeitig ankommen. Selbst die Wandergruppe von Bruder Gregor schafft den Weg nicht zu Fuß, sie nimmt am Abend für den Rückweg in die Stadt den Bus.

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