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Von Jerusalem nach Qubeibeh : Jesus käme nicht bis Emmaus

Seit zehn Jahren leitet die Österreicherin das Heim mit seinen mehr als dreißig palästinensischen Bewohnerinnen. Das Telefon in ihrem Büro steht selten still. Bürgermeister und Angehörige rufen von überallher bei ihr an und wollen Behinderte und Alte bei ihr unterbringen. Doch die acht Ordensfrauen und ihre freiwilligen Helfer aus Deutschland haben genug zu tun, um sich richtig um die Frauen zu kümmern, die schon bei ihnen leben - zum Beispiel um Halime, die am langen Tisch im hohen Gemeinschaftsraum sitzt. Die grauhaarige Frau entdeckten die Schwestern vor zwei Jahren in einem Hühnerstall. Sie scharrte nach Essbarem.

Eine kleine Revolution in Qubeibeh

Aus einem Zimmer am Ende des Flurs klingt Musik von Mozart. Dort wohnt Salwa Tabri und schwärmt auf Deutsch von ihrer Zeit in Bayreuth. In Deutschland hat sie Musik studiert, bevor sie, wieder zu Hause, den „Jerusalem-Chor“ gründete. „Mozart und Bach mag ich am liebsten“, sagt die Musikerin, die nicht mehr alleine leben konnte und deshalb ins Heim in Qubeibeh zog. Dort gibt es zu Ostern aber auch wieder Musik für alle: An allen hohen Festen wird getanzt - alle zusammen, Christen und Muslime. So wie sie gemeinsam am Sterbebett ihrer Mitbewohner beten: Die Muslime Verse aus dem Koran und die Christen den Rosenkranz. Im Alltag nimmt man selbstverständlich Rücksicht. Kommen männliche Gäste oder Pfleger zu den Frauen in die Pflegestation im ersten Stock hinauf, ertönt ein Warnruf: Dann haben sie Zeit, ihr Haar zu bedecken, wenn sie es wollen.

Das Tor zur Außenwelt: Durch die Betonrinne nach Qubeibeh
Das Tor zur Außenwelt: Durch die Betonrinne nach Qubeibeh : Bild: Eitan Simanor

Abgesehen von einer Familie sind die Bewohner von Beit Emmaus die einzigen Christen in Qubeibeh. Traditionen spielen in dem Dorf eine große Rolle. Als die ersten Frauen aus dem Ort anfingen, im Heim zu arbeiten, passten die Ehemänner draußen auf, dass sie dort nichts Unrechtes tun. Dass Frauen außer Haus arbeiten, war für sie neu. „Man muss Vertrauen aufbauen und den Frauen eigenes Ansehen geben“, sagt die Heimleiterin. Vor fünf Jahren eröffnete sie zusammen mit der Bethlehem-Universität eine Krankenpflegeschule auf dem elf Hektar großen Heimgelände. Gemeinsam studierten dort 75 Männer und Frauen. Das war für viele in Qubeibeh eine kleine Revolution. „Heute unterstützen die Frauen mit ihrem Einkommen als Krankenschwester ihre Brüder, damit sie heiraten können. Mich hat beeindruckt, als mir eine der Frauen sagte: ,Wir müssen selbst daran arbeiten, die Dorfmentalität unserer Leute zu ändern‘“, sagt Schwester Hildegard.

Die Schule musste zu den Schülern kommen

Bisher heirateten die meisten Mädchen und bekamen Kinder, kaum waren sie mit der Schule fertig. Rima hat andere Pläne. Ihr Mitschüler Ahmad assistiert ihr, während sie am Krankenbett einer lebensgroßen Patientenpuppe vorsichtig einen Schlauch für eine Magensonde in die Nase schiebt; Männer und Frauen studieren und arbeiten in Qubeibeh Seite an Seite. „Nach meinem Abschluss als Krankenschwester will ich in Schweden und Amerika weiterlernen“, sagt die junge Frau aus dem Nachbardorf von Qubeibeh und schiebt sich ihr modisches rotes Kopftuch aus der Stirn.

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