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Von Jerusalem nach Qubeibeh : Jesus käme nicht bis Emmaus

„Abnormale Dinge müssen Normalität werden“

Auf der letzten Etappe des Umwegs nach Emmaus ist von den Feldern nichts mehr zu sehen, die von Steinen übersät sind und an deren Rand ein Schäfer auf einem Esel über seine Schafherde wacht. Denn diese Etappe führt in fast vollständiger Dunkelheit durch eine graue Betonrinne. Der größte Teil der knapp zwei Kilometer ist ein finsterer Tunnel unter dem Landkorridor, der die Siedlung Givat Zeev mit Jerusalem verbindet. Das neue Bauwerk passt eher in eine Großstadt. Aber statt Hochhäuser folgen an seinem Ende eine Handvoll palästinensischer Bauerndörfer. Auch für die Menschen von Qubeibeh ist die Unterführung das einzige Tor zur Außenwelt - außer sie kommen zu Fuß, wie die Pilger von Franziskaner-Pater Gregor. Vom Kontrollpunkt in Ras Biddu ist es nur noch ein kurzer Spaziergang bis zu der Kreuzung, zu der die Straße aus dem neuen Tunnel hinaufführt. Auf dem direkten Weg würde die Strecke nach Jerusalem mit dem Auto nur gut zehn Minuten in Anspruch nehmen. Über Qalandija und Ramallah dauert er oft mehr als zwei Stunden.

„Der Tunnel ist trotz allem eine Verbesserung. Vorher brauchten wir Stunden nur bis nach Ramallah. Wir mussten durch drei oder vier Checkpoints. Aber abnormale Dinge müssen für einen zur Normalität werden, sonst kann man hier nicht leben“, sagt Schwester Hildegard. Die Österreicherin gehört dem katholischen Orden der Salvatorianerinnen an. Seit zehn Jahren leitet sie in Qubeibeh ein Pflegeheim für palästinensische Frauen. Es ist eine andere Welt, die hinter der langen Steinmauer an der Hauptstraße beginnt. Der Wind streicht durch die Olivenbäume und Weinstöcke des Gartens. Die Auffahrt hinter dem Tor, wo die österreichische Ordensfrau auf ihre Gäste wartet, führt durch den Park hinauf zu einem Gebäude aus grob behauenen Steinen. Es stammt aus dem 19. Jahrhundert und erinnert ein wenig an eine mittelalterliche Trutzburg. Einige Jahre diente das Gebäude, das seit der Jahrhundertwende dem „Deutschen Verein vom Heiligen Lande“ gehört, als Hotel. In das Holz einiger Erdbeerbäume haben junge Ehepaare während ihrer Flitterwochen Herzen und ihre Namen geritzt; sie sind heute noch zu sehen.

„Abnormale Dinge müssen für einen zur Normalität werden, sonst kann man hier nicht leben“, sagt Schwester Hildegard (rechts).
„Abnormale Dinge müssen für einen zur Normalität werden, sonst kann man hier nicht leben“, sagt Schwester Hildegard (rechts). : Bild: Eitan Simanor

Aus dem hohen Gras der Wiese mit den Blumen ertönt ein spitzer Schrei. Schafika humpelt am Arm von Hildegard Enzenhofer durch den blühenden Garten. Der jungen Palästinenserin fehlen an beiden Füßen mehrere Zehen. Ratten haben sie ihr abgebissen, als sie jahrelang in einer dunklen Zisterne zubrachte. Ihre Familie wusste mit dem behinderten Mädchen nichts anzufangen und hatte sie dort eingesperrt.

In Beit Emmaus begann für die behinderte Frau ein neues Leben. Nachbarn hatten die Ordensschwestern auf Schafika aufmerksam gemacht. Die deutschsprachigen Salvatorianerinnen holten sie vor dreizehn Jahren aus ihrem Verlies im Nachbardorf. Bis heute werden Behinderte in den Palästinensergebieten versteckt und weggesperrt, als wären sie eine Schande für die Familie. Da auf dem Land immer noch Verwandte oft untereinander heiraten, kommen viele Kinder behindert zur Welt. Niemand weiß, wie alt Schafika ist. Vielleicht 40 Jahre. Erst in letzter Zeit fing sie an, ein paar Worte zu reden. Sie hilft im Heim mit, wischt nach dem Essen die Tische ab und stellt die Stühle hoch, damit darunter Platz zum Putzen ist. „Die Franziskaner in der Kirche nebenan sagen, dass hier das biblische Emmaus ist. Mir ist das ziemlich gleich. Ich will leben, was Emmaus bedeutet. Das geschieht, wenn Menschen sich verstanden fühlen und Hilfe erfahren“, sagt Schwester Hildegard.

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