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Ryanair-„Entführung“ : Von der Leyen droht Belarus mit Sanktionen

  • Aktualisiert am

Demonstranten fordern vor dem ukrainischen Außenministerium in Kiew die Freilassung von Roman Protasewitsch. Bild: dpa

Die EU-Staats- und Regierungschefs wollen am Montag über die erzwungene Landung eines Passagierflugzeugs in Belarus beraten. Litauen fordert eine „starke transatlantische Reaktion“ gegen Machthaber Lukaschenko.

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          Nach der erzwungenen Landung eines Ryanair-Passagierflugzeugs in Belarus und der anschließenden Festnahme eines Regierungskritikers spricht EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von einer „Entführung". "Die Verantwortlichen der Ryanair-Entführung müssen sanktioniert werden", schrieb von der Leyen am Sonntagabend auf Twitter. Sie forderte zudem die sofortige Freilassung des Bloggers und Journalisten Roman Protasewitsch und erklärte, die EU-Staats- und Regierungschefs würden am Montag über das weitere Vorgehen beraten.

          Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell bekräftigte die Forderungen am Montagmorgen. Die Festnahme Protasewitschs sei ein weiterer offenkundiger Versuch der belarussischen Behörden, alle oppositionellen Stimmen zum Schweigen zu bringen, erklärte er.

          Die Behörden in Belarus hatten am Sonntag das Boeing-Flugzeug von Ryanair auf dem Weg von Griechenland nach Litauen zur Landung gezwungen. Die Piloten wurden wegen eines mutmaßlichen Bombenalarms zum Beidrehen gedrängt, ein Militärjet eskortierte sie zum Flughafen Minsk in Belarus. An Bord war auch der im Exil lebende Roman Protasewitsch, ein erklärter Gegner des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko. Er wurde in Minsk festgenommen. Die Maschine setzte später ihren Flug mit den übrigen Passagieren fort.

          Bild: Flightradar24

          Litauen fordert „starke transatlantische Reaktion“

          Litauen setzt auf eine gemeinsame Antwort des Westens. Außenminister Gabrielius Landsbergis erklärte, er habe mit dem für Europa zuständigen Abteilungsleiter im US-Außenministerium Philip Reeker über den Vorfall gesprochen. Es sei darüber diskutiert worden, „dass das beispiellose Ereignis eine starke transatlantische Reaktion finden muss".

          Die litauische Staatsanwaltschaft leitete noch am Sonntag eine strafrechtliche Untersuchung der Vorgänge ein. Dabei gehe es unter anderem um die mögliche Entführung eines Flugzeugs zu terroristischen Zwecken und den Verstoß gegen internationale Verträge, teilten die Behörden mit. Litauens Regierungschefin Ingrida Simonyte erklärte, mehrere Personen, die am Sonntagabend mit dem Flugzeug im litauischen Vilnius landeten, seien unmittelbar um eine Aussage gebeten worden.

          Die USA verurteilten die erzwungene Zwischenlandung und die Festnahme des Exil-Oppositionellen "aufs Schärfste". Diese "schockierende Handlung" der Regierung des belarussischen Machthabers Lukaschenko habe das Leben von mehr als 120 Passagieren gefährdet, "darunter auch US-Bürger", erklärte US-Außenminister Antony Blinken. In Hinblick auf den festgenommenen Oppositionellen Protasewitsch sagte Blinken: "Wir fordern seine sofortige Freilassung".

          "Erste Berichte, die auf eine Beteiligung der belarussischen Sicherheitsdienste und den Einsatz belarussischer Militärflugzeuge" hindeuten, seien "zutiefst besorgniserregend", fügte Blinken hinzu und forderte eine vollständige Untersuchung der Ereignisse.

          Protasewitschs Vater spricht von einem „Terrorakt“

          Zum Verbleib Protasewitschs gab es am Montag keine offiziellen Angaben. Mehrere Passagiere des Ryanair-Flugs bestätigten Medien in Litauen nach ihrer Landung die Festnahme des Bloggers. Das teilten auch der belarussische Journalistenverband und die Menschenrechtsorganisation Wesna mit.

          Protasewitschs Vater Dmitri zeigte sich im Interview des belarussischen Radiosenders Radio Swoboda überzeugt, dass es sich um eine sorgfältige Operation „wahrscheinlich nicht nur von den Geheimdiensten von Belarus“ handelte. Russland ist enger Verbündeter von Belarus. Sein Sohn war demnach auf der Rückreise von einem Griechenland-Urlaub in die litauische Hauptstadt Vilnius. Er selbst habe nicht gewusst, wann sein Sohn fliege.

          Dmitri Protasewitsch sprach von einem „Terrorakt“ des Machthabers Lukaschenko. „Die Operation hatte ein großes Ausmaß, um auf die gesamte internationale Gemeinschaft zu spucken und auf deren Meinung“, sagte Dmitri Protasewitsch. „Wir sind sehr besorgt um unseren Sohn“, sagte Protasewitsch. „Leider wissen wir nicht, wo er ist und was mit ihm ist. Wir hoffen auf das Beste.“

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