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Mazedonien : Slawen unter Palmen

Bild: Michael Martens

Auf dem Balkan stimmt ein ganzes Land darüber ab, ob es einen neuen Namen tragen soll. Eine Reise durch Mazedonien, solange es noch so heißt.

          8 Min.

          Jeder mittelmäßig begabte Indianer hat es vermutlich gewusst: Eisenbahnschienen, auf die an einem besonders heißen Tag stundenlang die Sonne knallt, können verdammt heiß werden. Leider waren auf dem Bahnhof von Miravci keine warnenden Indianer zur Hand, doch davon später. Zunächst soll hier der Zauber balkanischer Provinzbahnhöfe gepriesen sein. Der Bahnhof von Miravci kam zwei oder vielleicht auch erst drei Stunden nach dem Aufbruch aus der mazedonischen Hauptstadt Skopje in Sicht. Ohne viel Aufhebens von sich zu machen, lag er bescheiden am Straßenrand und offenbarte seine melancholische Anmut erst bei näherer Betrachtung: Die halbverwitterte Tür zum Wartesaal steht offenkundig schon seit Jahren offen, denn drinnen geht man durch das raschelnde Laub vieler Herbste über aufgesprungene Fliesen, und auf dem Perron behauptet die Bahnhofsuhr seit einem Tag, den keiner mehr kennt, es sei zwanzig vor zehn.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der Fahrplan weist immerhin sechs Züge aus, die Tag für Tag in Miravci halten. Der erste um drei nach fünf am Morgen mit Ziel Skopje, ein anderer Richtung Thessaloniki, der letzte um zwei nach acht am Abend mit Endstation Belgrad. Ein Aushang des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen erinnert daran, dass Miravci auf der Route liegt, über die im Sommer 2015 Hunderttausende Syrer und andere Menschen über den Balkan nordwärts wanderten: „Nicht auf den Gleisen laufen, sitzen oder schlafen“, wird auf Englisch gewarnt. Doch Syrer oder auch nur gewöhnliche Reisende gibt es heute hier nicht. Der Bahnhof von Miravci liegt still da und ist sich selbst genug. Nur die Baumkronen geben bei Windstößen Geräusche von sich, für die immer noch kein Wort gefunden ist (Rascheln oder Rauschen ist es nicht), und da der Bahnsteig leer in der Hitze döst und der Nachmittagszug nach Skopje laut Fahrplan bald einfahren soll, entsteht wie von selbst die Idee, ob man nur für einen kurzen Augenblick mit dem Ohr auf der Schiene...

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