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Frauenstreik : „Die Schweiz ist ein Entwicklungsland bei der Gleichberechtigung“

Frauen beim Streik in der Schweiz. Bild: dpa

Warum gehen Frauen in der Schweiz heute auf die Straße? Die Gewerkschafterin Irene Darwich berichtet im FAZ.NET-Interview über krasse Lohnunterschiede und warum arbeitende Frauen noch immer Rabenmütter genannt werden.

          3 Min.

          1991 gingen Hunderttausende Frauen in der Schweiz auf die Straße. Sie forderten die gesetzliche Gleichstellung und hielten Plakate hoch mit der Aufschrift: „Wenn Frau will, steht alles still“. Auch heute versammelten sich in den 26 Kantonen der Schweiz Frauen auf der Straße. Um 15.24 Uhr legten sie die Arbeit nieder, um gegen die Lohnungleichheit zu protestieren.

          Frau Darwich, Sie sind die Vizepräsidentin der Schweizer Gewerkschaft Syna, die den Frauenstreik mit organisiert hat. Wo sind sie gerade?

          Auf der Straße. Ich bin gerade auf einer Platzkundgebung in Olten, später gehe ich noch auf die Demonstration in Bern.

          Warum gehen Frauen in der Schweiz heute auf die Straße?

          Es gibt viele Gründe. Es geht insbesondere um die Gleichstellung. Die gesetzliche Gleichstellung haben wir ja seit 1991 in der Bundesverfassung. Aber in der Realität sieht das anders aus. Der Lohnunterschied beträgt zwanzig Prozent. Davon sind sieben Prozent unerklärbare Lohnunterschiede.

          Was sind das für unerklärbare Lohnunterschiede?

          Das sind Unterschiede, die nicht durch Qualifikation zu erklären sind.

          Inwiefern sind Frauen noch benachteiligt?

          Sie sind vor allem benachteiligt, wenn sie Mütter werden. Denn die Schweiz kennt noch keinen gesetzlichen Vaterschaftsurlaub. Der Vater darf nur einen Tag zu Hause bleiben. Bei uns ist die Frau für die Sorgearbeit nach der Geburt verantwortlich. Deswegen ist es ökonomisch gesehen auch unattraktiver eine Frau anzustellen als einen Mann. Die Schweiz ist ein Entwicklungsland, wenn es um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht.

          Irene Darwich, 52, ist Vizepräsidentin der zweitgrößten Gewerkschaft Syna in der Schweiz.

          Der Mann arbeitet also hundert Prozent und die Frau verdient etwas dazu?

          Genau. Zwei Drittel der Frauen, die Mütter sind, arbeiten in Teilzeit und bekommen niedrige Gehälter. Und gut die Hälfte der Frauen in der Schweiz sind in Teilzeit beschäftigt. Deswegen sind Frauen auch in der Altersvorsorge benachteiligt. Wir haben bei der Altersvorsorge ein Zwei-Säulen-System. Die zweite Säule ist die berufliche Vorsorge. Die Eintrittsschwelle dafür liegt allerdings bei 20.000 Franken im Jahr. Viele Frauen verdienen aber weniger und können diese Säule deshalb nur marginal nutzen.

          Gibt es auch wenige Frauen, die in höheren Positionen arbeiten?

          Bei Aufstiegschancen sieht es sehr schlecht aus. Wir haben kaum Frauen in führenden Positionen. Das wurde schon mehrmals von der OECD kritisiert. Da belegt die Schweiz regelmäßig den letzten Platz, zusammen mit der Türkei. Die Frauenquote in Geschäftsleitungen und in Verwaltungsräten ist nicht mal ein Prozent.

          Wie kommt das? Werden die Frauen als Fachkräfte nicht gebraucht?

          Doch. Wir brauchen weibliche Fachkräfte, besonders in der Pflege und der Gastronomie. Die Politik und die Wirtschaft rufen nach weiblichen Fachkräften. Aber es gibt strukturell keinen Hebel, um es für Frauen attraktiver zu machen, zu arbeiten.

          Wieso gibt es da keinen Hebel?

          Der Grund ist wieder der Gleiche: es gibt keinen Vaterschaftsurlaub. Das ist das Hauptproblem. Viele Frauen scheiden daher nach der Schwangerschaft aus dem Berufsleben aus. Denn Frauen müssen sich zwischen Beruf und Karriere entscheiden. Wir haben deshalb eine Initiative für einen gesetzlichen Vaterschaftsurlaub gegründet. Die Initiative wurde schon von den vier geforderten Wochen auf zwei gebracht. Es gab einen Gegenvorschlag vom Nationalrat, den der Bundesrat nun wieder abgelehnt hat. Nächstes Jahr wird es wohl zu einer Volksabstimmung kommen.

          1991 sind Hunderttausende Frauen auf die Straße gegangen, und es gab sehr ähnliche Forderungen. Was hat sich damals geändert?

          Daraufhin wurde die Gleichstellung ein Jahr später in der Schweizerischen Bundesverfassung verankert, 1992. Und ganz wichtig, es gab endlich einen gesetzlichen Mutterschaftsurlaub, allerdings erst ab 2004. Es ging damals um richtig viel.

          Da wurde einiges erreicht. Warum müssen Sie heute wieder auf die Straße?

          Weil es immer noch krasse Lohnunterschiede gibt.

          Wurde der Streik dadurch ausgelöst?

          Ja, unter anderem. Es gibt immer noch keine Lohngleichheitskontrollen in den Betrieben. Das wurde auch jüngst vom Parlament abgewiesen. Daraufhin haben sich vor einem Jahr Frauen regional zusammengeschlossen und begonnen, den Streik zu organisieren. Die Proteste sind regional entstanden und schließlich zu einer nationalen Bewegung geworden.

          Braucht es diese Lohngleichheitskontrollen?

          Unbedingt. Aus vielen Jahren Erfahrung wissen wir: wenn es keine Kontrollen gibt, wird nichts passieren. Nach Jahren der Freiwilligkeit müssen wir sehen, dass nichts passiert ist. Deswegen müssen wir auf die Straße.

          Um 15.24 Uhr legen die Frauen heute die Arbeit nieder. Warum?

          In der Schweiz gibt es einen Lohnunterschied von zwanzig Prozent. Eigentlich arbeiten wir hier jeden Tag bis 17 Uhr. Die Arbeitszeit von 15.24 bis 17 Uhr entspricht in etwa einem Lohnunterschied von 20 Prozent. Eigentlich müssten wir jeden Tag nur bis 15.24 Uhr arbeiten.

          Sie sind eine Frau in einer Führungsposition. Warum streiken Sie heute um 15.24 Uhr?

          Auf dem Dorfplatz habe ich vorhin eine Rede gehalten. Als mein Sohn noch klein war, das war vor 25 Jahren, da hatte ich die gleichen Probleme. Ich musste schauen, wie ich Job und Kinder vereinbare. Ich wurde damals angefeindet und wurde als Rabenmutter bezeichnet. Noch heute müssen sich Frauen in der Schweiz rechtfertigen, wenn sie arbeiten und Kinder haben.

          Irene Darwich, 52, ist Vizepräsidentin der zweitgrößten Gewerkschaft Syna in der Schweiz.

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