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Viktor Juschtschenko im Gespräch : „Vielleicht die größte humanitäre Katastrophe“

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Weil der künstliche Hunger damals auch andere Völker der Sowjetunion betraf, streiten die Wissenschaftler darüber, ob er tatsächlich als „Völkermord an der ukrainischen Nation“ richtig beschrieben ist. Ist es nicht gefährlich, wenn ein Staatsoberhaupt als oberster Historiker auftritt und strittige Begriffe zur Staatsdoktrin macht?

Der Holodomor ist bei uns durch Gesetz als Völkermord definiert. Meine Aufgabe ist nicht, irgendwelche Auffassungen durchzusetzen.

Wie hat Ihre Familie den Hunger erlebt?

In meiner Kindheit horteten wir in meinem Heimatdorf Choruschiwka immer fünf bis sechs Säcke trockenes Brot im Keller. Wir hatten wenig zu essen, ich musste am Laden oft bis zu acht Stunden in Schnee und Regen Schlange stehen, um ein Stück Brot zu kaufen. Ich habe damals nicht verstanden, warum die Erwachsenen trotzdem diese Säcke nie anrührten. Wenn ich meine Großmutter fragte, sagte sie nur: Das musst du nicht wissen. Immer wenn wir gegessen hatten, strich sie nach Tisch die übrigen Brotkrumen in ihre Hand und aß sie. Wenn ich die Kühe zur Weide trieb, bemerkte ich, dass da so kleine Hügel auf der Wiese waren, und wenn ich die Großmutter fragte, sagte sie auch da wieder nur: Das musst du nicht wissen. Letztes Jahr fand man bei Charkiw bisher unbekannte Gräber von Hungertoten. Ich traf mich mit sechs Zeitzeugen und stellte fest, dass die meisten von ihnen ihre Aussagen nicht unterschreiben wollten. Als ich fragte, warum, sagten sie: Wir haben Angst. - Nach 75 Jahren! Wie meine Mutter, wie meine Oma, wie Millionen Menschen haben sie ein Leben in Angst hinter sich. Die Partei wollte eben nicht, dass diese Geschichten bekannt werden - genau wie jeder andere Verbrecher auch. Deshalb sage ich: Kommt in die Ukraine. Fragt die Zeugen. Informiert euch über die Kommunisten und ihre Verbrechen - und vielleicht werden unsere Kinder dann sicherer leben.

In meinem Dorf, in meiner Straße, fuhr jeden Tag ein Pferdekarren vorbei, um die Toten aufzusammeln. Im Herbst 1932 kamen dann schon zwei am Tag. Meine Oma sagte meiner Mutter damals: Geh nicht in die und die Straße. Dort gibt es eine Familie, die Kinder tötet und frisst.

Empfinden Sie Solidarität mit den Opfern in Russland und in Kasachstan?

Ich wollte der Opfer immer gemeinsam mit den Russen gedenken. Der Holodomor sollte uns alle zusammenführen. Wir sagen aber nicht, dass damals nur Ukrainer verhungert sind. Zu den Opfern gehörten auch Juden, Russen, Weißrussen, die damals in unseren Dörfern lebten. Wir ehren sie alle. Es ist nicht wichtig, zu welchem Volk wir gehören.

Streit über Erinnerung an die Hungersnot

Die Ukraine begeht am kommenden Samstag den 75. Jahrestag der großen Hungersnot von 1932/1933. Der „Holodomor“ (ukrainisch für „Hungersterben“) ist nach Ansicht der meisten Historiker seinerzeit vom sowjetischen Diktator Stalin bewusst herbeigeführt worden, um den Widerstand der ukrainischen und russischen, aber auch der weißrussischen und kasachischen Bauern gegen die damals befohlene Kollektivierung der Landwirtschaft zu brechen. Trotz der Bedeutung der Katastrophe für die sowjetische Geschichte hat der russische Präsident Medwedjew jedoch die Einladung zu der Kiewer Gedenkfeier ausgeschlagen, weil sie seiner Ansicht nach „darauf zielt, unsere Nationen zu entzweien, die über Jahrhunderte durch historische, kulturelle und geistige Bande sowie durch eine besondere Freundschaft und gegenseitiges Vertrauen geeint waren“. Historiker haben für den Holodomor in allen Teilen der Sowjetunion - also einschließlich Russlands und anderer Republiken - Opferzahlen zwischen fünf und sieben Millionen Menschen errechnet. (ul.)

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