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Schwieriges Gedenken : Was geschah wirklich, als Kroatien befreit wurde?

In der kroatischen Hauptstadt Zagreb fordern Demonstranten im April 2011 die Freilassung des ehemaligen Generals Ante Gotovina, der wegen Kriegsverbrechen an Serben in Den Haag vor Gericht steht. Bild: dapd

Kroatien feiert die Befreiung von der serbischen Besatzung vor 25 Jahren. Doch das EU-Land beging bei der Rückeroberung seiner Gebiete auch Verbrechen.

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          Seit nunmehr einem Vierteljahrhundert finden in Kroatien jedes Jahr Anfang August große Gedenkfeiern statt. Im ersten Jahr war es freilich noch kein Gedenken, sondern Krieg: In der „Operation Sturm“ gelang es der kroatischen Armee zwischen dem 4. und dem 7. August 1995, den größten Teil der seit 1991 serbisch besetzten Gebiete Kroatiens zu befreien. Zentrum des diesem Feldzug gewidmeten Gedenkens ist seither die Stadt Knin, gelegen unweit der kroatischen Grenze zu Bosnien. Auch diesmal wird das so sein. Staatspräsident Zoran Milanović, als meinungsstarker Sozialdemokrat bei vielen der oft weit rechts positionierten kroatischen Veteranen nicht eben beliebt, will nach Knin kommen und Orden verteilen. Knin war Hauptort der „Republik Serbische Krajina“, eines von aufständischen kroatischen Serben mit erheblicher militärischer Unterstützung aus Belgrad errichteten kriminellen Gebildes, aus dem mehrere zehntausend Kroaten vertrieben worden waren.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Doch auch in diesem Jahr wird über den Feiern am „Tag des Sieges und der Dankbarkeit der Heimat“ wieder eine Frage schweben, auf die es nur eine differenzierte Antwort gibt: Was genau ist eigentlich passiert vor 25 Jahren im dalmatinischen Hinterland? Unumstritten ist, abgesehen von nationalistischen Kreisen in Serbien, dass Kroatien selbstverständlich das Recht hatte, sein eigenes Territorium zu befreien und die 1991 unter großem Blutvergießen erklärte staatliche Unabhängigkeit territorial zu konsolidieren. Gern negiert wird dagegen in Kroatien, dass die Befreiung mit Verbrechen an der serbischen Zivilbevölkerung einherging, bei denen es sich eben nicht nur, wie von der Politik in Zagreb oft behauptet, um bedauerliche Einzelfälle handelte.

          Vergleichsweise harmlos waren noch die Plünderungen. Ein Sprecher der Vereinten Nationen sagte damals, UN-Beobachter hätten „klare Beweise“ dafür, dass kroatische Kämpfer Häuser in den fluchtartig verlassenen serbischen Dörfern der Gegend ausplünderten: „Soldaten ziehen normalerweise nicht mit Videorekordern, Fernseh- und Radiogeräten in die Schlacht.“

          Serbische Zivilisten ergriffen die Flucht

          Weniger harmlos ging es in Weilern wie Grubori zu, wo sechs alte Dörfler, die ihre Heimat nicht hatten verlassen wollen, von nie gestellten Mördern niedergemetzelt wurden, als der Feldzug längst beendet war. Solche Übergriffe beschränkten sich nicht auf Grubori. Da sie genau so etwas befürchtet hatten, waren die meisten Serben beim Herannahen der kroatischen Truppen geflohen. Sie glaubten den Aufrufen des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman nicht, der zu Beginn der Angriffe sinngemäß gesagt hatte, niemand habe die Absicht, die Serben zu vertreiben. Bis zu 200.000 serbische Zivilisten ergriffen die Flucht. Erst vier Jahre später, im Kosovo, flohen noch mehr Menschen – dann allerdings Albaner vor der serbischen Soldateska.

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          Der Schweizer Buchautor und Balkan-Kenner Cyrill Stieger, damals in Diensten der „Neuen Zürcher Zeitung“, war 1995 schon am Tage nach Abschluss der „Operation Sturm“ in der Krajina und berichtete aus einem verlassenen Ort, wo in den Cafés noch Tassen und Bierflaschen auf dem Tisch standen: „Manche Gläser waren noch nicht einmal ausgetrunken – Zeichen dafür, dass sich die Menschen Hals über Kopf davongemacht hatten ... In einem Restaurant war der Tisch noch gedeckt, Reste von Fleisch, abgebissene Brotstücke lagen herum. ... In vielen Zimmern brannte noch Licht, in einer Bäckerei lagen die frisch gebackenen Gipfel auf dem Blech. Die Bewohner hatten die Ortschaft offenbar in der Nacht oder am frühen Morgen in großer Eile verlassen. Hier sah man auch Häuser und Geschäfte, die angezündet und geplündert worden waren.“

          Dass unter den Serben auch solche waren, die guten Grund zur Flucht hatten, da sie zuvor Kriegsverbrechen an ihren kroatischen Nachbarn begangen hatten, stimmt gewiss. Nur macht es die Verbrechen einiger Befreier nicht ungeschehen. Damals wurden nach allgemeinen Schätzungen mehrere hundert Serben getötet, Tausende Häuser angezündet.

          Kroatische Befreier auf einer Stufe mit serbischen Massenmördern

          Einige Jahre später versuchte die damalige Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals, Carla Del Ponte, diese Verbrechen dem kroatischen General Ante Gotovina anzulasten. Auch politisch gemäßigte Kroaten empörte es seinerzeit, dass Gotovina so auf eine Stufe mit serbischen Massenmördern wie den ebenfalls vom Haager Tribunal angeklagten bosnisch-serbischen Kriegsverbrechern Radovan Karadžić und Ratko Mladić gestellt werde. Genugtuung verschaffte ihnen, dass Gotovina im Gegensatz zu den beiden Serben im Berufungsverfahren freigesprochen wurde, da ihm keine direkte Schuld für die Verbrechen nachweisbar sei. Das hatte freilich auch zur Folge, dass die damals begangenen Verbrechen, die das Tribunal nicht bezweifelte, bis heute nicht gesühnt wurden.

          Einige Sturmschäden haben sich als irreparabel erwiesen. Für viele „Krajina-Serben“ ging 1995 eine jahrhundertealte Siedlungsgeschichte zu Ende. Sie waren Nachkommen von Flüchtlingen aus dem Osmanischen Reich, die von den Habsburgern als Wehrbauern an der Grenze der Monarchie angesiedelt worden waren. Jenen, die später zurückkehren wollten, wurden nicht nur administrative Hindernisse in den Weg gelegt. So berichtete das Internationale Komitee des Roten Kreuzes 1996, dass auch ein Jahr nach Kriegsende in den befreiten Gebieten eine Atmosphäre der Gesetzlosigkeit herrsche, die verbliebenen Serben große Angst mache. Fast 100 serbische Häuser seien auch 1996 noch zerstört worden, Drohungen, Plünderungen und Misshandlungen kämen weiterhin vor. Verlassene Häuser von Serben würden vermint, um potentielle Rückkehrer abzuschrecken.

          Das immerhin ist Vergangenheit. Die Folgen aber sind von Dauer. Vor dem Krieg stellten Serben zwölf Prozent der Bevölkerung Kroatiens, heute kaum noch vier.

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