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Viele Tote bei Anschlägen : Jagd auf Christen im Norden Nigerias

  • -Aktualisiert am

Sekten-Terror: Feuer im Polizeihauptquartier nach dem Anschlag am Freitag in Kano Bild: REUTERS

Die Anschlagsserie in der nordnigerianischen Stadt Kano ist mit fast 200 Toten das bislang blutigste Attentat der islamistischen Sekte Boko Haram. In der Stadt müssen sich unbeschreibliche Szenen abgespielt haben.

          Die Zahl der Opfer der Bombenanschläge in der nordnigerianischen Stadt Kano am Freitagabend ist auf mindestens 178 gestiegen. Das meldete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf die beiden großen Krankenhäuser der Stadt. Mutmaßlich dürfte die Zahl der Opfer weitaus höher sein, da die Rettungskräfte noch nicht in alle bei den Explosionen zerstörten Gebäude vordringen konnten.

          Die islamistische Sekte Boko Haram bekannte sich am Samstag zu den Anschlägen und bezeichnete sie als Vergeltung für die Weigerung der Regierung, inhaftierte Sektenmitglieder freizulassen. Eine entsprechende Erklärung ging am Samstag bei der größten Zeitung der Region, „Daily Trust“, ein. Zudem wurden in den Straßen von Kano Flugblätter gefunden, in denen sich Boko Haram mit den Angriffen brüstet. In der Nacht auf Sonntag wurde zudem ein christlicher Ortsteil im nordnigerianischen Tafawa Balewa im Bundesstaat Bauchi überfallen. Dabei sollen die Angreifer Handgranaten in die Hütten der Christen geworfen und nach ersten Meldungen mindestens neun Menschen getötet haben. Am Sonntagnachmittag wurden ebenfalls in Bauchi zwei Kirchen in die Luft gesprengt. Ob dabei Opfer zu beklagen sind, war am Sonntag noch nicht klar.

          Viele Zivilisten unter den Toten

          Die Anschlagserie von Kano ist das bislang blutigste Attentat der Sekte. In einer ersten Stellungnahme versicherte der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan am Samstag, die Täter würden „die ganze Wucht des Gesetzes“ zu spüren bekommen. Die Anschläge von Kano haben weltweites Entsetzen verursacht. Bundesaußenminister Guido Westerwelle verurteilte die Attentate „auf das Schärfste“ und bezeichnete sie als „große Gefahr für den inneren Frieden im Vielvölkerstaat Nigeria“. Der britische Außenminister William Hague sagte, er sei „schockiert“ vom Ausmaß der Angriffe.

          Auf den ersten Bildern aus Kano am Samstag waren Pick-up-Trucks zu sehen, auf denen Dutzende von Leichen abtransportiert wurden. Bei den koordinierten Angriffen unmittelbar nach dem Freitagsgebet waren das Hauptquartier der Polizei, drei kleinere Polizeistationen, das Gebäude des Innenministeriums und das des staatlichen Inlandsgeheimdienstes SSS mit Autobomben angegriffen worden. In mindestens zwei Fällen sollen sich Selbstmordattentäter im Inneren von Polizeistationen in die Luft gesprengt haben. Augenzeugen berichteten von mindestens 20 Explosionen innerhalb weniger Minuten. Unmittelbar danach hatten weitere Angreifer die Fliehenden beim Verlassen der zerstörten Gebäude mit Maschinenwaffen unter Feuer genommen. Überlebende Polizisten berichteten, die Attentäter hätten Polizeiuniformen getragen, wodurch eine gezielte Gegenwehr unmöglich gemacht worden sei. Die meisten der bislang geborgenen Opfer seien an Schusswunden gestorben, hieß aus den Krankenhäusern der Stadt.

          Unter den Toten befindet sich auch ein bekannter nigerianischer Fernsehjournalist, der erschossen wurde, als er nach den Angriffen an einem der Anschlagsorte filmen wollte. In der Stadt müssen sich unbeschreibliche Szenen abgespielt haben, als die Bewohner in Panik versuchten, aus den angegriffenen Stadtvierteln zu entkommen. Unter den Toten sollen sich viele Zivilisten befinden, die in das Kreuzfeuer gerieten.

          Flüchtlingswelle von Christen

          Der Gouverneur des gleichnamigen Bundesstaates Kano hatte unmittelbar nach den Anschlägen eine 24 Stunden dauernde Ausgangssperre verhängt, während die Armee mehrere tausend Soldaten in die Stadt entsandte. Am Sonntag war die Ausgangssperre auf die Zeit zwischen Dämmerung bis Morgengrauen verkürzt worden. Für Sonntagabend wurde Präsident Goodluck Jonathan in der mit zehn Millionen Einwohner zweitgrößten Stadt Nigerias erwartet.

          Boko Haram, was soviel heißt wie: „Westliche Bildung ist verboten“, überzieht den Norden Nigerias seit Weihnachten vergangenen Jahres mit einer bisher beispiellosen Welle von Gewalttaten. Seit dem 22. Dezember 2011 starben mehr als 330 Menschen bei Angriffen auf christliche Einrichtungen und Symbole des Staates. Zwischen Januar und November 2011 kamen 425 Menschen bei Attentaten ums Leben, für die Boko Haram verantwortlich gemacht wird. Der Sekte werden Verbindungen zu Al Qaida nahestehenden Terrorgruppen im Sahel und in Ostafrika nachgesagt, was eine Erklärung für den Grad der Organisation sein mag, mit dem die Radikalen inzwischen vorgehen. Jonathan ließ unlängst durchblicken, die Sekte, die Nigeria in einen islamischen Staat umwandeln will, könnte Unterstützung aus dem Regierungsapparat haben. Einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge von Weihnachten, der 28 Jahre alte Kabiru Sokoto, konnte in der vergangenen Woche aus der Haft fliehen, wobei er angeblich Hilfe aus den Reihen des Sicherheitsapparats hatte.

          Die systematischen Angriffe auf Christen im muslimischen Norden Nigerias haben inzwischen eine Flüchtlingswelle von Christen ausgelöst. Nach den Anschlägen von Kano kündigte die Vereinigung der christlichen Ibo im Bundesstaat Kano an, dass angeblich bis zu drei Millionen ihrer Mitglieder den Norden in Richtung Süden verlassen wollen.

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