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Nordkoreanischer Raketentest : Zwölf Minuten Angst

  • -Aktualisiert am

Nordkoreas Raketenstart beherrscht die japanischen Medien – trotzdem bleiben viele Japaner gelassen. Bild: dpa

Mit einem neuen Raketentest hat Nordkorea Japan aufgeschreckt. Doch auf die Aufregung folgt bei vielen Japanern Gelassenheit – und Frust über die eigene Regierung.

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          Um 6.02 Uhr wird Janaina Lili Geismar aus dem Schlaf gerissen. Nicht von ihrem Wecker und auch nicht von ihrem Mann, sondern von einer Katastrophen-App. Fast alle in Japan haben die App auf ihrem Handy installiert. Am Dienstagmorgen schickt sie eine Warnung: nordkoreanische Rakete im Anflug.

          Geismar ist schockiert, ruft Freunde im Norden der Insel an, auf den die Rakete Kurs nimmt. Dort schallen schon die Sirenen durch die Städte. Nach zwölf Minuten dann Aufatmen. Um 6.14 Uhr meldet die App: Die Rakete ist über Japan hinweggeflogen und im Meer versunken.

          Doch auch wenn die Gefahr gebannt ist: Der nordkoreanische Raketentest beherrscht die japanischen Medien den ganzen Tag. Auch auf der Arbeit reden Geismars japanische Freunde fast nur über die Rakete. Geismar ist Lehrerin in Kōbe, einer Stadt im Westen Japans, nahe der Metropole Ōsaka. Panisch sei in ihrem Umfeld niemand gewesen, berichtet die junge Frau.

          Viele Japaner nehmen Kim Jong-un nicht ernst

          Woran das liegt? Japaner seien traditionell eher gelassen, sagt Geismar. Das habe sich auch schon in vergangenen Krisensituationen gezeigt. Vor allem aber nähmen viele den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un nicht ernst. „Der plustert sich doch nur auf und schießt Raketen über unbewohntes Terrain in Nordjapan“, sagt Geismar, „In meinem Umfeld haben die Leute über Kim Jong-un gelacht, wir glauben nicht, dass es uns irgendwann mal trifft.“

          Auch Naomi Oba hat am Dienstag keine besondere Unruhe bemerkt. Oba studiert eigentlich in Augsburg, für ein Praktikum ist sie nach Tokio gekommen. „Man hat gemerkt, dass die Leute sich Gedanken machen“, sagt sie, „aber von Panik war da keine Spur.“

          Dafür aber seien viele Japaner unzufrieden mit der Politik ihrer Regierung. Ihre Mitbewohner würden nicht verstehen, warum die Rakete überhaupt über japanisches Territorium fliegen konnte, sagt sie. „Solche Raketen muss man doch auf dem Radar sehen können, wieso werden die nicht abgeschossen?“ Ohnehin tue die Regierung nicht genug, um die nordkoreanischen Provokationen zu unterbinden.

          Ähnliches berichtet auch Janaina Lili Geismar. In ihrem Umfeld seien viele Leute unzufrieden mit der Regierung. „Viele Japaner können nicht verstehen, warum wir nicht aufrüsten“, sagt sie. Tatsächlich gebietet die japanische Verfassung seit 1946, dass Japan seine Streitkräfte nur zur Verteidigung einsetzen kann – eine Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg.

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