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Zukunft oder Tradition? : In trauriger Landschaft

Angst vor Alkoholismus und Gewalt: Eine Frau und ein Kind vor dem kleinen Supermarkt von Muludja Bild: Till Fähnders

In Australien sollen entlegene Dörfer von Aborigines nicht mehr mit Strom und Wasser versorgt werden – die Ureinwohner fürchten um ihre Existenz.

          Die dünne Zunge der Eidechse hängt schlaff aus ihrem Maul. Die Jungen haben ihr mit einem Stein auf den Kopf geschlagen. Das mehrere Kilo schwere Tier hatte sich im Unterholz am Ufer des Margaret River versteckt. Nun halten sie die Beute wie eine Trophäe über ihre Köpfe. Da hat sich der kleine Ausflug durch den Busch an den Fluss doch schon gelohnt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Einer der älteren Jungen darf Mervyn Street beim Ausnehmen des Goannas helfen, wie diese Art von Waran in Australien genannt wird. Der erfahrene Aborigine setzt das gebogene Messer ein Stückchen unter der Kehle des Tiers an. Die stumpfe Klinge geht zunächst kaum durch die gelbe Schuppenhaut hindurch. Mervyn schneidet mühsam ein Loch, zieht den weißlichen Darm heraus. Der Junge, ein Neffe Mervyns mit dem Namen Sam, darf den Schwanz des Tieres festhalten. Dann steigt Sam in den Fluss, um das Innere des Echsenkörpers auszuwaschen. Er stellt sich ein wenig ungeschickt an, steckt erst den Schwanz des Tieres in das Wasser, anstatt das Maul wie von den Erwachsenen angeordnet. Mervyn fährt ihn ungeduldig an. Das Blut der Eidechse färbt das Wasser rot.

          Man fragt sich, ob nicht spätestens jetzt die Krokodile etwas von dem Geschehen mitbekommen. Sie sollen etwas weiter oben an einem Zulauf des Flusses ihre Jagdgründe haben. „Hierher kommen sie nur zum Fressen und Ausruhen“, beruhigt Mervyn seine Begleiter. Und wenn Mervyn das sagt, dann müsste es stimmen.

          Ohnehin wirkt es fast so, als wüsste die Natur, wer sich ihr da genähert hat. Keine Fremden, sondern Bekannte. So wie die Habichte am Himmel, die Kängurus im Busch und die Barramundis im Margaret River, die heute das bevorzugte Jagdziel der Ausflugsgruppe sind.

          Mervyn und seine Familie wohnen nur einige Kilometer weiter flussaufwärts in dem Dorf Muludja. Es liegt etwa 40 Kilometer außerhalb der Ortschaft Fitzroy Crossing im Bundesstaat Westaustralien. Schon Fitzroy Crossing ist mit seinen 1200 Einwohnern und 400 Kilometern Entfernung zur nächsten Stadt ein kleines und schwer zu erreichendes Nest. Das in noch größerer Abgeschiedenheit gelegene Muludja ist daher nicht ohne Grund eines von 274 Dörfern, die von der Regionalregierung als „entlegen“ eingestuft werden.

          Wer ist für die Versorgung der Gemeinden verantwortlich?

          Doch diese Einstufung ist ein Problem, nicht nur, weil sie daran erinnert, dass die Dorfbewohner nicht einfach mal so nach Fitzroy Crossing spazieren können, um Kautabak und Limonade einzukaufen. Sondern auch, weil die Zentralregierung in Canberra angekündigt hat, die Verantwortung für die Grundversorgung solcher Dörfer mit Strom, Wasser und anderen Diensten an den Bundesstaat abzugeben. Doch auch die Regionalregierung in Perth will nicht ausnahmslos für die Versorgung der Dörfer aufkommen. Bis zu 150 der entlegensten indigenen Gemeinschaften könnten laut Ministerpräsident Colin Barnett geschlossen werden. Allerdings weiß niemand, welche das sein werden. Auch Muludja könnte daher betroffen sein.

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