https://www.faz.net/-gpf-81ve9

Zukunft oder Tradition? : In trauriger Landschaft

Angst vor Alkoholismus und Gewalt: Eine Frau und ein Kind vor dem kleinen Supermarkt von Muludja Bild: Till Fähnders

In Australien sollen entlegene Dörfer von Aborigines nicht mehr mit Strom und Wasser versorgt werden – die Ureinwohner fürchten um ihre Existenz.

          Die dünne Zunge der Eidechse hängt schlaff aus ihrem Maul. Die Jungen haben ihr mit einem Stein auf den Kopf geschlagen. Das mehrere Kilo schwere Tier hatte sich im Unterholz am Ufer des Margaret River versteckt. Nun halten sie die Beute wie eine Trophäe über ihre Köpfe. Da hat sich der kleine Ausflug durch den Busch an den Fluss doch schon gelohnt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Einer der älteren Jungen darf Mervyn Street beim Ausnehmen des Goannas helfen, wie diese Art von Waran in Australien genannt wird. Der erfahrene Aborigine setzt das gebogene Messer ein Stückchen unter der Kehle des Tiers an. Die stumpfe Klinge geht zunächst kaum durch die gelbe Schuppenhaut hindurch. Mervyn schneidet mühsam ein Loch, zieht den weißlichen Darm heraus. Der Junge, ein Neffe Mervyns mit dem Namen Sam, darf den Schwanz des Tieres festhalten. Dann steigt Sam in den Fluss, um das Innere des Echsenkörpers auszuwaschen. Er stellt sich ein wenig ungeschickt an, steckt erst den Schwanz des Tieres in das Wasser, anstatt das Maul wie von den Erwachsenen angeordnet. Mervyn fährt ihn ungeduldig an. Das Blut der Eidechse färbt das Wasser rot.

          Man fragt sich, ob nicht spätestens jetzt die Krokodile etwas von dem Geschehen mitbekommen. Sie sollen etwas weiter oben an einem Zulauf des Flusses ihre Jagdgründe haben. „Hierher kommen sie nur zum Fressen und Ausruhen“, beruhigt Mervyn seine Begleiter. Und wenn Mervyn das sagt, dann müsste es stimmen.

          Ohnehin wirkt es fast so, als wüsste die Natur, wer sich ihr da genähert hat. Keine Fremden, sondern Bekannte. So wie die Habichte am Himmel, die Kängurus im Busch und die Barramundis im Margaret River, die heute das bevorzugte Jagdziel der Ausflugsgruppe sind.

          Mervyn und seine Familie wohnen nur einige Kilometer weiter flussaufwärts in dem Dorf Muludja. Es liegt etwa 40 Kilometer außerhalb der Ortschaft Fitzroy Crossing im Bundesstaat Westaustralien. Schon Fitzroy Crossing ist mit seinen 1200 Einwohnern und 400 Kilometern Entfernung zur nächsten Stadt ein kleines und schwer zu erreichendes Nest. Das in noch größerer Abgeschiedenheit gelegene Muludja ist daher nicht ohne Grund eines von 274 Dörfern, die von der Regionalregierung als „entlegen“ eingestuft werden.

          Wer ist für die Versorgung der Gemeinden verantwortlich?

          Doch diese Einstufung ist ein Problem, nicht nur, weil sie daran erinnert, dass die Dorfbewohner nicht einfach mal so nach Fitzroy Crossing spazieren können, um Kautabak und Limonade einzukaufen. Sondern auch, weil die Zentralregierung in Canberra angekündigt hat, die Verantwortung für die Grundversorgung solcher Dörfer mit Strom, Wasser und anderen Diensten an den Bundesstaat abzugeben. Doch auch die Regionalregierung in Perth will nicht ausnahmslos für die Versorgung der Dörfer aufkommen. Bis zu 150 der entlegensten indigenen Gemeinschaften könnten laut Ministerpräsident Colin Barnett geschlossen werden. Allerdings weiß niemand, welche das sein werden. Auch Muludja könnte daher betroffen sein.

          Weitere Themen

          Wer ist Boris Johnson? Video-Seite öffnen

          Schillernd und umstritten : Wer ist Boris Johnson?

          Der wirre Haarschopf ist unverkennbar: Boris Johnson liebt den großen Auftritt. Der Brexit-Hardliner ist eine der schillerndsten und umstrittensten Persönlichkeiten der britischen Politik.

          Topmeldungen

          Boris Johnson und die EU : Trotz allem – Partner

          In Brüssel hat man Boris Johnson in unangenehmer Erinnerung behalten. Dennoch sollten die „Europäer“ ihm, wo immer möglich, die Hand reichen – nur zu einem nicht.
          Laut Sebastian Kurz habe es sich bei der Datenvernichtung um einen „normalen Vorgang“ gehandelt.

          Datenträger geschreddert : Kurz und der Reißwolf

          Der damalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz ließ nach dem Platzen der Koalition mit der rechten FPÖ durch einen Mitarbeiter inkognito Daten vernichten. Warum?

          Greta Thunberg in Paris : Macrons Worte sind ihr zu wenig

          Für ihre kurze Rede erhält die Klimaaktivistin in der französischen Nationalversammlung viel Applaus, besonders aus Macrons Partei – obwohl Thunberg den Präsidenten zuvor kritisiert hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.