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Viel mehr als bislang bekannt : Mindestens 180 Tote bei Iran-Protesten

Wut auf das Regime: Demonstranten an einem Feuer in Teheran am 16. November 2019 Bild: AFP

Bei den schwersten Unruhen seit der islamischen Revolution vor 40 Jahren sind offenbar deutlich mehr Menschen ums Leben gekommen, als das Regime bislang zugegeben hat.

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          Zwei Wochen nach der Niederschlagung der schwersten Unruhen in Iran seit der islamischen Revolution von 1979 besteht zunehmende Gewissheit, dass mindestens 180 Demonstranten getötet worden, möglicherweise sogar mehr als 400. Das iranische Regine hat nach wie vor keine offizielle Zahl der Todesopfer veröffentlicht. Einzelne Regierungsvertreter sprachen von lediglich „ein paar wenigen“ Opfer und wiesen kursierende Opferzahlen als „spekulativ“ zurück. Innenminister Abdolreza Rahmani Fazli räumte jedoch Proteste in 29 der 31 Provinzen und Angriffe auf 50 Militäreinrichtungen ein.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Da das Regime das Internet zu Beginn der Proteste lahmgelegt hatte, war die Kommunikation mit Iran und innerhalb Irans stark eingeschränkt. Zahlen zu verifizieren, die kursierten, war auch deshalb nicht möglich, weil die Proteste in mehr als 170 Städten stattfanden und eine unabhängige Überprüfung der Zahlen vor Ort nicht möglich war.

          Die Proteste brachen am 15. November aus, die heiße Phase dauerte bis zum 19. November. In einigen Städten gingen Demonstranten noch Tage darüber hinaus auf die Straße. „Amnesty International“ berichtete am 29. November, die Zahl der Todesopfer liege bei mindestens 161. Das ergebe sich aufgrund der glaubhaften eingegangenen Berichte. Mutmaßlich liege die Zahl aber viel höher. Die meisten seien durch scharfe Munition getötet worden.

          „Human Rights Watch“ hatte die Zahl der Todesopfer am 27. November mit mindestens 140 angegeben. Der Nationale Widerstandsrat Iran, die Dachorganisation der Volksmudschahedin, nennt als Zahl bestätigter Todesopfer sogar über 400. Zudem seien mehr als 4000 verletzt und mehr als 10.000 Demonstranten festgenommen worden.

          Die „New York Times“ nannte am Montag aufgrund eigener Recherchen die Zahl von mindestens 180 Todesopfern, möglicherweise seien es aber auch „Hunderte mehr“ gewesen. Allein in der Stadt Mahschahr seien 40 bis möglicherweise 130 Menschen, meist unbewaffnete Jugendliche, getötet worden. Bei den Protesten zum Jahreswechsel 2017/2018 waren 25 Menschen getötet worden, bei den blutigen Auseinandersetzungen nach der umstrittenen Wiederwahl des damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad im Juni 2009 lag die Zahl der Todesopfer bei 72.

          Mir Hossein Mousavi, der damals unterlag und seither in Teheran unter Hausarrest lebt, verglich am Samstag auf einer ihm nahestehenden Webseite das Blutvergießen bei den jüngsten Proteste mit der brutalen Niederschlagung der Kundgebungen Ende 1978, die im Februar 1979 zum Sturz des Schahs Mohammad Reza Pahlawi geführt haben. Der Freitagsprediger von Teheran, Ali Akbar, sagte, die jüngsten Proteste seien das Ergebnis von zwei Jahren Planung und Vorbereitung und eine „sehr gefährliche Verschwörung“.

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