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Video von der „Alan Kurdi“ : „Die haben gerade in die Luft geschossen“

Bild: Sea-Eye

Aktivisten mit erhobenen Händen, Migranten, die um ihr Leben schwimmen und Angreifer mit Maschinengewehr: Video-Ausschnitte zeigen, wie die Crew der „Alan Kurdi“ am Samstag bei einer Rettungsmission bedroht wurde.

          3 Min.

          Die Aktivisten stehen mit erhobenen Händen auf einem Rettungsboot. Wenige Meter vor ihnen hantiert ein Mann auf einem weißen Schnellboot mit einem Maschinengewehr. Der Lauf zeigt in Richtung eines Schlauchboots voller Migranten, einige springen ins Wasser und versuchen, zum Boot der Aktivisten zu schwimmen. Am Samstag berichtete die deutsche Seenotrettungsorganisation „Sea-Eye“, dass die Crew der von ihr betriebenen „Alan Kurdi“ während einer Rettungsaktion von Schnellbooten unter libyscher Flagge bedroht wurde. Videoaufnahmen von Bord des Rettungsschiffes und seiner Rettungsboote, die der F.A.Z. exklusiv vorliegen, zeigen Ausschnitte des Geschehens.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          „Die zielen mit einem Maschinengewehr auf die Menschen im Wasser“, informieren die Aktivisten in den Rettungsbooten die Einsatzleitung. Und: „Die haben gerade in die Luft geschossen.“ Im Wasser sind zahlreiche Menschen zu sehen, manche schwimmen um ihr Leben, andere werden nur von ihrer Rettungsweste an der Oberfläche gehalten. 

          Zwei Schnellboote sind auf den Aufnahmen zu sehen, beide weiß, ohne Kennung und unter libyscher Flagge. Eines hat das Maschinengewehr vorne montiert. Der Mann, der mit ihm hantiert und nach Angaben der Crew sowohl in Richtung der Migranten als auch in Richtung eines der Rettungsboote ins Wasser und in die Luft geschossen hat, gestikuliert bedrohlich. Andere Insassen der Boote, darunter auch Frauen, filmen und lachen. Auch sie ziehen einige Menschen aus dem Wasser. Diese springen jedoch wieder von Bord, als das Schnellboot losfährt. „Die wollten auf keinen Fall zurück nach Libyen gebracht werden“, sagt „Sea-Eye“-Sprecher Gorden Isler. Einer der Angreifer scheint den Springenden zu winken. 

          Wer waren die Angreifer?

          Die Hilfsorganisation „Alarm Phone“ hatte der „Alan Kurdi“ am Samstagvormittag den Notruf mit Positionsangabe 15 Meilen von der libyschen Küste entfernt weitergeleitet. Das deutsche Rettungsschiff sei zu diesem Zeitpunkt etwa eine Stunde entfernt gewesen. Die Crew habe auch die Seenotleitstellen in Tripolis, Rom, Bremen und Valletta über den Notruf informiert. Die Ausgabe der Rettungswesten sei gerade abgeschlossen gewesen und der erste Transfer an Bord der „Alan Kurdi“ erfolgt, als zunächst eines der Boote auftauchte und die Aktivisten an ihrem Rettungseinsatz hinderte, berichtet Einsatzleiter Joshua Wedler im Gespräch mit der F.A.Z. Erst nach rund zwei Stunden hätten die Angreifer zugelassen, dass die „Alan Kurdi“ die insgesamt 91 Migranten an Bord holte. In der chaotischen und hektischen Situation seien zahlreiche Migranten ins Wasser gesprungen. „Ohne die Rettungswesten hätte es viele Tote gegeben“, so Wedler. Das Schlauchboot hätten die Angreifer mitgenommen. Die Aufnahmen von „Sea-Eye“ zeigen zuletzt erschöpfte Migranten in einem Rettungsboot der „Alan Kurdi“.

          Zu wem die Angreifer gehören, ist bislang nicht bekannt. „Es ist derzeit nicht klar, unter welcher Verantwortung die Boote standen, die versucht haben, die Alan Kurdi zu behindern“, erklärte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Montagvormittag in der Regierungspressekonferenz. Isler hält die libysche Küstenwache für verantwortlich: „Sie hatten die Position des Notrufs.“ In die libysche Küstenwache seien auch Milizen eingebunden, die mit Schleusern zusammenarbeiteten. In dem sie die losgeschickten Migranten abfangen und zurück an die Küste bringen, könnten die Schleuser doppelt abkassieren. Die Angreifer auf den Booten wirkten für Isler wie auf einem „Familienausflug“, bei dem die Rettung von Menschenleben verhindert wird. Die libysche Marine distanzierte sich in einer Mitteilung von dem Vorfall. „Unsere Patrouillen haben ein Boot einer Nichtregierungsorganisation weder abgefangen, noch bedroht, noch beschossen.“

          Die libysche Küstenwache wird von der Europäischen Union unterstützt. Sie soll unter anderem dafür sorgen, dass weniger Migranten sich auf den Weg nach Europa machen. Anfang Oktober gab die libysche Küstenwache an, bis Ende September knapp 7000 Migranten abgefangen zu haben. Im Vorjahreszeitraum waren es rund 12.000 Menschen gewesen. Elf Menschen seien in diesem Jahr tot geborgen worden, 190 gelten als vermisst. Die Internationale Organisation für Migration geht zwar ebenfalls von einem deutlichen Rückgang der Migranten aus. Laut ihren Schätzungen sind bis einschließlich Ende Oktober jedoch mehr als 690 Menschen auf der zentralen Mittelmeerroute ums Leben gekommen. 

          Auswärtiges Amt äußert Besorgnis

          Das Auswärtige Amt betonte in der Regierungspressekonferenz abermals die Bedeutung der Rettung von Menschen vor dem Ertrinken. Die Behinderung der Seenotretter auf der „Alan Kurdi“ habe man „daher mit Sorge zur Kenntnis genommen“. Die deutsche Botschaft in Libyen habe „mit Nachdruck“ von der libyschen Regierung gefordert, von Gewalt oder Androhung von Gewalt Abstand zu nehmen. Ein derartiges Verhalten sei nicht akzeptabel. „Sea-Eye“-Sprecher Isler sagte dazu: „Wenn eine Kapitänin Menschen rettet, dann droht ihr die Verhaftung. Wenn libysche Milizen ein deutsches Rettungsschiff attackieren, dann bleibt es bei der Äußerung von Besorgnis und im besten Fall bei einer Ermahnung der Partner.“

          Vorwürfe macht „Sea-Eye“ auch Malta. Eine Schwangere, die nach Einschätzung der Ärzte an Bord der „Alan Kurdi“ womöglich ihr Kind verloren hat, sei am Sonntag nicht wie zunächst zugesichert abgeholt worden. Ein Transfer per Helikopter wurde zunächst mit Verweis auf schlechte Wetterbedingungen abgesagt. Auch ein Boot sei nicht gekommen. Schließlich sei die Frau von der italienischen Küstenwache nach Lampedusa gebracht worden. 

          Das Schiff wartet derzeit zwischen Malta und Lampedusa auf die Zuweisung eines sicheren Hafens. Die Migranten an Bord seien erschöpft und seekrank, die Besatzung rechnet zudem mit Unwettern.

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