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Verteidigung im Baltikum : Wenn Kampfpanzer im Tunnel stecken bleiben

Transportpanzer des Typs „Boxer“ werden im Januar 2018 in Immendingen für den Transport nach Litauen auf Züge verladen. Bild: dpa

Komplizierte Zollformulare, schwache Brücken, fehlende Gleise: Müsste die Nato im Konfliktfall schnell Truppen in das Baltikum bringen – sie stünde vor enormen Schwierigkeiten.

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          „Militärische Mobilität ist für wirksame Abschreckung entscheidend“, heißt es im Vorwort einer neuen Studie zu diesem Thema. Es gehe um die Fähigkeit, Truppen schneller als der Gegner zu bewegen. Nur dann könnten politische Führer eine Krise rechtzeitig einhegen. Andernfalls bleibe ihnen nur die Rückeroberung verlorener Gebiete. Der Autor weiß, wovon er spricht: Ben Hodges war bis 2017 der Oberkommandierende der US Army in Europa.

          Thomas Gutschker
          (T.G.), Politik

          Nach der russischen Eroberung der Krim 2014 musste er mit seinen Truppen üben, wie sie schnellstmöglich an die Ostflanke der Nato gelangen. Dabei machte er allerlei Erfahrungen, die nicht nur ihm die Haare zu Berge stehen ließen. Es dauerte ewig, um Zollformulare auszufüllen. Straßen und Brücken waren nicht für schwere Transporte ausgelegt. Einmal blieb der General mit seinen Kampfpanzern in einem Tunnel stecken.

          Seitdem er pensioniert ist, arbeitet er an dem Thema weiter. Für die neue Studie des Center for European Policy Analysis tat er sich mit einem Mann zusammen, der die Nato-Strategie nach 2014 umgepolt hat. Heinrich Brauß, ebenfalls Drei-Sterne-General, war bis 2018 der oberste Verteidigungsplaner der Allianz. Unter seiner Ägide wurden sämtliche Verteidigungspläne neu ausgerichtet – auf einen hybriden Krieg, wie ihn Moskau in der Ukraine praktizierte. Brauß fürchtete, dass Russland in ähnlicher Manier das Baltikum destabilisieren und dann blitzartig angreifen könnte. Es ist die Achillesferse der Allianz: militärisch kaum zu verteidigen, direkt an Russland grenzend und mit einer beträchtlichen russischen Minderheit. Höchstens sechzig Stunden würde es dauern, bis Russland die drei Hauptstädte eingeschlossen hätte, ergab 2016 eine Simulation der Rand Corporation.

          Fünf Einsatzszenarien durchgespielt

          Damit ist die Herausforderung für die Nato umschrieben. Wenn sie ihre Verbündeten im Nordosten überhaupt verteidigen will, muss sie einem russischen Angriff zuvorkommen. Dem dienen alle wesentlichen Entscheidungen der vergangenen Jahre. Das Bündnis stellte eine „Speerspitze“ von 5000 Mann auf, die in wenigen Tagen ein Krisengebiet erreichen kann. Im Baltikum und in Polen wurden „Battlegroups“ stationiert, jeweils unter Beteiligung einer Nuklearmacht – zur Abschreckung. Inzwischen arbeitet die Nato daran, dass sie binnen eines Monats rund 50.000 Mann zusätzlich verlegen kann. An der amerikanischen Atlantikküste entstand ein neues Kommando für den Seetransport, in Ulm eines für den Landtransport in Europa.

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          Es bleiben freilich mannigfache Herausforderungen, und nur die wenigsten von ihnen kann die Nato bewältigen. Worum es geht, haben Hodges und Brauß in einem Projekt mit zahlreichen Fachleuten herausgearbeitet. Insgesamt spielten sie fünf Einsatzszenarien durch. Zwei betreffen das Baltikum, den wahrscheinlichen Ausgangspunkt eines militärischen Konflikts mit Russland. Das erste Szenario sind Truppentransporte vom norwegischen Hafen Oslo über Schweden und die Ostsee nach Estland. Dabei könnte es zu „drei bis vier Wochen Verzögerung“ kommen, heißt es in der Studie, weil die Kapazität auf Straßen und Schienen in Schweden gering sei und es kaum Flachwagen zum Transport von Kettenfahrzeugen gebe. Deswegen müssten wohl Radpanzer eingesetzt werden. Immerhin: Obwohl Schweden kein Mitglied der Allianz ist, hat es mit der Nato 2014 ein Stationierungsabkommen geschlossen, das viele rechtliche und politische Hürden aus dem Weg räumt.

          Die EU will militärisch nutzbare Infrastruktur fördern

          Der andere Weg ins Baltikum führt über Land: von Deutschland über Polen nach Litauen. Dabei müssen die Truppen einen Korridor von lediglich sechzig Kilometer Breite passieren, das sogenannte „Suwalki Gap“. Im Westen davon liegt Kaliningrad, im Osten Belarus, dazwischen führen nur zwei Straßen und eine Eisenbahnlinie hindurch. Für jede Einheit müsste die Marschstrecke genau im Voraus geplant werden, damit Truppen nicht in diesem Nadelöhr steckenbleiben. Das halten die Fachleute für noch wichtiger als Verbesserungen der Infrastruktur. Sie werfen die Frage auf, ob einstige sowjetische Militäranlagen renoviert werden können, um den Anmarsch durch Polen zu erleichtern, etwa ein Eisenbahndrehkreuz in Oppeln.

          Auch die Versorgung der Truppen wäre eine Herausforderung, von Lebensmitteln über Treibstoff bis zur Munition. Im Kalten Krieg war eine Division so ausgestattet, dass sie sich sieben Tage lang autark bewegen konnte. Das ist heute nicht mehr der Fall. Es müssten erst Depots angelegt werden. Zu den kuriosen Erkenntnissen des Expertenberichts gehört, dass sich Nato-Einheiten in Litauen nicht einmal mit scharfer Munition schützen dürften – das ist gesetzlich verboten, jedenfalls in Friedenszeiten. Infrastruktur befindet sich oft in privater Hand. Das ist andernorts auch so, nur sind es in Litauen mitunter russische Besitzer.

          Die Europäische Union könnte dafür sorgen, dass militärisches Gerät schneller über Grenzen hinweg befördert werden kann. Bei der Nato gibt es dafür ein standardisiertes Verfahren (Formblatt 302), das die EU schon übernommen hat. Trotzdem müssen immer noch zwei Formulare ausgefüllt werden. Außerdem ist der Genehmigungsprozess zu langsam. Die EU strebt fünf Werktage an, für die Nato dürften es höchstens drei sein.

          Helfen kann Brüssel auch, wenn es um die Ertüchtigung von Straßen, Brücken und Tunneln geht. In der mittelfristigen Finanzplanung bis 2027 sind erstmals 1,5 Milliarden Euro für „militärische Mobilität“ vorgesehen. Damit sollen Projekte gefördert werden, die zugleich einen zivilen Nutzen haben. Bei der Allianz heißt es, man habe die Hauptnachschubwege inzwischen identifiziert. Eine Prioritätenliste, die man der EU-Kommission präsentieren könnte, gibt es aber noch nicht.

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