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Verschollener Frachter : Das Verwirrspiel um die „Artic Sea“

  • -Aktualisiert am

Der mysteriöse Fall der „Arctic Sea”: Geheime Fracht an Bord? Bild: dpa - (undatiertes Archivfoto)

Kann ein knapp hundert Meter langer Frachter im Zeitalter von Radar, GPS und Satellitenüberwachung einfach aus der Ostsee verschwinden? Offenbar war die „Arctic Sea“ über Wochen in der Hand von Piraten. Die Behörden sorgten wohl absichtlich für ein Verwirrspiel.

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          Kann ein knapp hundert Meter langer Frachter wie die „Arctic Sea“ im Zeitalter von Radar, GPS und Satellitenüberwachung einfach aus der Ostsee verschwinden? Kann ein Schiff in schwedischen Fahrwassern zwischen Gotland und Öland gekapert werden und dann unbemerkt den Öresund oder den Storebelt passieren, ohne dass die schwedische oder die dänische Marine aktiv wird? Und dann den Ärmelkanal passieren, ohne dass dort etwas geschieht?

          Eigentlich alles an der Klabautermann-Geschichte, die wochenlang durch die Medien geisterte und am Montag ein vorläufiges Ende fand, ist unklar. Zu viele Meldungen widersprachen sich, wurden dementiert oder von Spekulationen überwuchert. Vieles, so wird jetzt immer deutlicher, dürfte absichtliches Verwirrspiel der Behörden gewesen sein, da man das Leben der Besatzung gefährdet sah und die Chancen für ein Eingreifen nicht beeinträchtigen wollte.

          Bild: dpa

          Wurde das Schiff verwechselt?

          Zur Verwirrung trug bei, dass es sich bei der „Arctic Sea“ um ein Schiff unter maltesischer Flagge handelt, mit einer russischen Besatzung von 15 Mann, betrieben von einer finnischen Reederei, die Russen in Finnland gehört. Nur wenige Punkte der Geschichte scheinen wirklich festzustehen: Das Schiff war am 23. Juli routinemäßig aus dem finnischen Hafen Pietarsaari ausgelaufen, beladen mit Holz des finnischen Konzerns Stora Enso im Wert von 1,3 Millionen Euro; sein Ziel war der Hafen der Stadt Bejaja in Algerien, wo es am 4. August eintreffen sollte. Schon bei der Holzladung begannen die Zweifel und Mutmaßungen: War das Schiff von den Gangstern vielleicht verwechselt worden, wie die schwedische Polizei durchsickern ließ? Oder hatte es gar eine ganz andere Ladung, Rauschgift vielleicht oder Waffen? Der Phantasie waren kaum Grenzen gesetzt.

          Über die Kaperung nahe der schwedischen Insel Öland konnte man ab dem 30. Juli scheibchenweise erfahren, dass in den frühen Morgenstunden des 24. Juli acht bis zwölf Männer, die sich als Drogenfahnder ausgaben, von einem Schlauchboot aus das Schiff enterten, die Besatzung in Fesseln legten und schlugen, die Kommunikationseinrichtung des Schiffes zerstörten, Mobiltelefone an sich nahmen, das Schiff viele Stunden lang durchsuchten - und es dann nach 12 Stunden wieder verließen, ohne etwas gefunden zu haben oder mitzunehmen. So die Version der Besatzung, der es mysteriöserweise (waren nicht alle Kommunikationseinrichtungen unterbrochen?) gelang, die Reederei zu informieren. Angeblich soll dann die Reederei gezögert haben, die finnische Polizei zu informieren, da die Männer, die die „Arctic Sea“ geentert hatten, ja womöglich doch von der Polizei waren. Dann erst habe die finnische Polizei die schwedischen Kollegen einschalten können. Die schwedischen Behörden ließen mitteilen, dass die Drogenpolizei nicht auf den Frachter angesetzt gewesen sei.

          Verwirrende Meldungen, unglaubwürdige Angaben

          Dass ein Schiff nach einer derartigen Kaperung, mit einer misshandelten Besatzung und zerstörten Kommunikationsanlagen, die Fahrt einfach fortsetzen würde, war von Anfang an unglaubwürdig - noch mehr spätere Angaben, das Schiff sei ein zweites Mal gekapert worden, und zwar vor der portugiesischen Küste. Diese These wurde durch Mutmaßungen in Brüsseler EU-Kreisen befeuert, wo man sichtlich nervös wurde, weil die EU-Gewässer bislang von Schiffspiraterie verschont geblieben waren. Viele Spekulationen rankten sich angesichts der verwirrenden Meldungen um mögliche Motive der Reederei, die gegenüber Journalisten alle Auskünfte verweigerte.

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