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„Verlorene Schreie“ : Australien entschuldigt sich bei Opfern des sexuellen Missbrauchs

Regierungschef Scott Morrison bezog in seine Rede im Parlament nicht nur Opfer wie Katie ein. Bild: dpa

Den Kindern wurde nicht geglaubt, die Täter wurden von Ort zu Ort versetzt. Nun hat das Parlament in Canberra erstmals offiziell bei den Opfern des sexuellen Missbrauchs um Vergebung gebeten.

          Die 96 Jahre alte Katie gehört zu den ältesten noch lebenden Opfern des sexuellen Missbrauchs an Kindern in Australien. Am Montag wurde sie deshalb ins nationale Parlament in der Hauptstadt Canberra geladen. Wie hunderte Opfer durfte sie dem historischen Moment beiwohnen, als ein australischer Regierungschef zum ersten Mal eine offizielle Entschuldigung für den Missbrauch in australischen Institutionen aussprach. Die Regierung hatte ihr sogar das Flugticket spendiert.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Entschuldigung sei „sehr wichtig“, sagte die Australierin, die lieber ihren Nachnamen zurückhielt, dem Fernsehsender ABC. „Es ist eine große Sache, dass die Leute zuhören und anerkennen, was wir durchgemacht haben“, sagte die Frau. Sie war als kleines Mädchen in einem von Nonnen geführten Kinderheim Opfer von gewalttätigem und sexuellem Missbrauch geworden.

          Regierungschef Scott Morrison bezog in seine Rede im Parlament am Montag dann aber nicht nur Opfer wie Katie ein, die mit ihrer Missbrauchsgeschichte an die Öffentlichkeit gegangen waren. Er wandte sich auch an diejenigen, die „keiner Seele“ von ihren Erlebnissen berichtet hätten. Die Menschen, die ihnen das angetan hätten, seien keine Feinde aus der Fremde. „Es waren Australier, die diese Dinge Australiern angetan haben. Feinde aus unserer Mitte. Als Nation haben wir versagt, wir haben sie im Stich gelassen. Das wird immer unsere Schande bleiben“, sagte Morrison im Parlament.

          Sichtlich bewegt sprach er von dem „Trauma“, das zu lange übersehen wurde, und beklagte die „verlorenen Schreie“ der Kinder. In Schulen, Kirchen, Jugendgruppen, Sportvereinen, Kinderheimen und in Familie sei Missbrauch verbreitet gewesen. Die Organisationen hätten oft weggeschaut. „Es passierte Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat; unablässige Qualen“, sagte Morrison in seiner Rede.

          An einem Punkt der Rede schien dem Premierminister dann fast die Stimme zu versagen. Der Vater von zwei Töchtern sprach über das Schicksal einer Familie, in der eine Tochter sich nach ihren Missbrauchserfahrungen das Leben genommen hatte. Eine zweite Tochter war ihr Leben lang von den Erfahrungen gezeichnet.

          Abgeordnete bitten um Entschuldigung

          Nach den Reden von Premierminister Morrison und Oppositionsführer Bill Shorten erhoben sich die Abgeordneten dann, um die Entschuldigung offiziell zu verabschieden. Später verlas Morrison dann vor Opfern und deren Vertretern in einem offiziellen Akt den Text der Entschuldigung. „Viel zu lange waren unsere Augen und Herzen geschlossen für die Wahrheiten, die uns von den Kindern berichtet wurden“, las der Premierminister. „Wir entschuldigen uns, dass wir den Worten der Kinder nicht getraut haben, Euch nicht geglaubt haben. Wenn wir ‚Sorry‘ sagen, sagen wir auch: ‚Wir glauben Euch‘.“

          Die historische Entschuldigung ist dabei auch eine Reaktion auf die Arbeit der „königlichen Kommission“, die im Auftrag der australischen Regierung fünf Jahre lang die Geschichte des sexuellen Missbrauchs von Kindern in australischen Institutionen untersucht hatte. Die Ergebnisse waren so erschütternd, dass die damalige Regierung nach der Veröffentlichung des Abschlussberichts Ende des vergangenen Jahres von einer „nationalen Tragödie“ gesprochen hatte. Mehr als 17.000 Opfer hatten sich an die Kommission gewandt, rund 8000 davon hatten sich ihr in nicht-öffentlichen Sitzungen anvertraut.

          Auch in Australien gehörte die katholische Kirche zu den Institutionen, in denen es besonders viele Täter und Opfer zu beklagen gab. So wurden der Kommission zufolge in Australien gegen sieben Prozent der katholischen Priester Missbrauchsvorwürfe erhoben. Auch gegen den höchsten australischen Vertreter der Kirche, den Kurienkardinal George Pell, wurde wegen „historischer“ Missbrauchsvorwürfe Anklage erhoben.

          Als Heldin gefeiert wurde am Montag die ehemalige Premierministerin Julia Gillard, die im Jahr 2012 die Kommission einberufen hatte. Ihr ist es zu verdanken, dass sich Australien der Geschichte  des institutionellen Kindesmissbrauchs gestellt hat, wie kaum ein anderes Land auf der Welt. Premierminister Morrison dankte Gillard ebenso wie der „königlichen Kommission“, und verwies auf das nationale Wiedergutmachungsprogramm, das jedem australischen Opfer Entschädigungszahlungen von bis zu 150.000 Australien-Dollar in Aussicht stellt.

          Einige Opfer, denen die Aktivitäten der Regierung zur Wiedergutmachung zu zögerlich und nicht umfassend genug waren, nutzten den „Entschuldigungstag“ dagegen für einen Protest. Sie fordern eine schnellere und höhere Entschädigung, wie sie auch die Kommission vorgeschlagen hatte. Kritisch wurde zudem angemerkt, dass sich die Regierung nun zwar bei australischen Missbrauchsopfern entschuldige, gleichzeitig aber weiterhin Kinder von Bootsflüchtlingen in einem australischen Internierungslager auf der Pazifikinsel Nauru festgehalten würden.

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