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Vergewaltigung in Indien : Die Mutter fand sie in einer Blutlache

Polizistin verhaften eine Demonstrantin, die in Delhi der Vergewaltigung einer jungen Frau protestiert. Bild: AFP

In Indien werden immer wieder Frauen Opfer brutaler sexueller Gewalt. Nach der Vergewaltigung einer jungen Frau, die zu den ehemaligen „Unberührbaren“ gehörte, kommt es abermals zu Protesten.

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          Wieder wird Indien durch die Massenvergewaltigung und den Tod einer jungen Frau erschüttert. Die 19 Jahre alte Frau war am Dienstag, rund zwei Wochen nach der Tat, in einem Krankenhaus der Hauptstadt Delhi gestorben. Vier Männer wurden laut Polizei festgenommen. Die junge Frau gehörte den Dalit, den früheren „Unberührbaren“, die mutmaßlichen Täter einer höheren Kaste an. Ihr Tod wirft damit nicht nur wieder ein Licht auf das weit verbreitete Problem sexueller Gewalt gegen Frauen in Indien. Er erinnert außerdem daran, dass die gesellschaftlich benachteiligten Schichten trotz der offiziellen Abschaffung des Kastensystems vielerorts immer noch als Menschen ohne Rechte gesehen werden.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Nach Angaben der Polizei hatten die Männer ihr Opfer im Bezirk Hathras im bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaat Uttar Pradesh auf einem Feld vergewaltigt und gequält. Die Mutter berichtete, sie habe zusammen mit der Tochter Gras für die Kühe geschnitten, als die junge Frau plötzlich verschwunden sei. Später fand die Mutter sie rund 100 Meter entfernt in einer Blutlache. „Ich hätte sie retten können. Ich wünschte, ich hätte nicht so ein schlechtes Gehör“, sagte die Mutter „The Indian Express“. Die junge Frau befand sich in einem kritischen Zustand. Sie war mit einem Schal gewürgt und unter anderem schwer an der Wirbelsäule verletzt worden. „Sie haben sie zum Sterben zurückgelassen. 14 Tage hat sie um ihr Leben gekämpft“, sagte der Bruder des Opfers der BBC.

          Die brutale Gewalt, die am Dienstag schließlich zum Tod der jungen Frau geführt hatte, hat Empörung und Proteste ausgelöst. Manche Demonstranten bezeichneten die Frau als die „vergessene Nirbhaya“. Unter diesem Pseudonym war im Jahr 2012 der Fall einer jungen Physiotherapeutin bekannt geworden, die in der Hauptstadt Delhi von mehreren Männer in einem öffentlichen Nahverkehrsbus brutal misshandelt worden und gestorben war. Damals hatten landesweite Proteste die Aufmerksamkeit auf die Gewalt gegen Frauen gelenkt. Nach Ansicht von Frauenrechtlerinnen hat sich aber wenig an den strukturellen Problemen geändert. Die Behörden haben in Indien im vergangenen Jahr im Durchschnitt täglich 87 Vergewaltigungen verzeichnet. Im gesamten Jahr seien mehr als 400.000 Gewaltverbrechen gegen Frauen gemeldet worden, sieben Prozent mehr als im Jahr davor.

          Die offiziellen Zahlen dürften allerdings weit unter dem tatsächlichen Ausmaß der Gewalt gegen Frauen liegen. Die oppositionelle Kongresspartei warf der Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi nun Untätigkeit vor. Insbesondere machte sie die Regionalregierung in Uttar Pradesh verantwortlich. „Recht und Ordnung sind im Staat in einem fürchterlichen Zustand“, schrieb Generalsekretärin Priyanka Gandhi Vadra auf Twitter. Sie kritisierte den Landeschef Yogi Adityanath, einen nationalistischen Hindu-Mönch und politischen Verbündeten Modis, der nichts dafür tue, die Sicherheit der Frauen in dem Bundesstaat zu verbessern.

          Wie schon bei früheren Fällen wurden auch diesmal wieder Rufe nach der Todesstrafe für die Täter laut. In der indischen Bevölkerung wird die Höchststrafe von vielen als einziges wirksames Mittel gegen die Vergewaltigungen gesehen. „Wir wollen Gerechtigkeit, das ist alles“, sagte der Vater des Opfers „The Indian Express“. Im Dezember waren bei einem ähnlich grausamen Fall vier Verdächtige bei einem vermeintlichen Fluchtversuch von der Polizei erschossen worden. Auch damals hatten zuvor Demonstranten die sofortige Hinrichtung der mutmaßlichen Täter gefordert. Im Fall „Nirbhaya“ waren im März dieses Jahres nach jahrelangen juristischen Verzögerungen die vier Haupttäter gehängt worden.

          Vorwürfe gegen die Polizei

          Die Familie der am Dienstag verstorbenen Frau erhob Vorwürfe gegen die Polizei. Es habe zehn Tage gedauert, bis sie die mutmaßlichen Täter festgenommen habe, klagte der Bruder. Außerdem berichtete die Familie, die Polizei habe auf eine schnelle Feuerbestattung der jungen Frau noch in der Nacht zum Mittwoch gedrängt. Die Familie hatte sich gewünscht, den Leichnam für einen rituellen Abschied mit nach Hause nehmen zu dürfen. Dennoch war er in den frühen Morgenstunden am Mittwoch ins Krematorium gebracht worden. „Die Polizei wurde aggressiv, als wir uns gegen ihre Verbrennung weigerten. Als meine Verwandten nachschauen wollten, was die Polizei tat, traten sie nach uns und zerstörten ein Armband einer Verwandten“, sagte der Bruder.  

          Bei den Protesten wurde neben einem Ende der Gewalt gegen Frauen auch gefordert, das Problem der Benachteiligung der geschätzt ungefähr 200 Millionen Dalit in Indien anzugehen. Die Familie des Haupttäters habe auch schon seit langer Zeit die Dalit in dem Dorf schikaniert. Zudem habe es eine alte Fehde zwischen den Familien gegeben. „Sie gehören zu einer höheren Kaste und haben uns immer wieder beschimpft. Wir ignorieren sie“, sagte der Bruder. Der 20 Jahre alte Haupttäter sei ein Alkoholiker, der immer wieder Frauen belästigt habe. „Aber nie hat jemand Anzeige erstattet”, sagte der Bruder. In einem wachen Moment hatte das 19 Jahre alte Opfer seiner Mutter die Namen der Täter genannt und ihr berichtet, dass sie sich schon früher von den Männern belästigt gefühlt hatte.

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