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UN: Jemen droht Massensterben : Die Houthi halten nichts von Corona-Statistiken

Warteschlange für Lebensmittelgutscheine in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa Bild: Reuters

Die Vereinten Nationen warnen vor einem Massensterben im Jemen. Doch die Hilfsgelder fließen nur spärlich. Daran sind die Regierung und die Rebellen nicht ganz unschuldig.

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          Da ist zum Beispiel die Geschichte mit dem alten Mann in Sanaa, der sich nach einem Streit mit seinem Sohn wutentbrannt zu Fuß auf den Weg ins Krankenhaus machte und auf der Straße zusammenbrach. In der Klinik wollte man ihn nicht aufnehmen – aus Furcht, er habe sich mit dem Coronavirus infiziert. Der Mann starb, die Moschee in die man seinen Leichnam gebracht hatte, wurde wie die umliegenden Straßen desinfiziert. Dann erst kam heraus, dass der Alte seinem Herzleiden erlegen war. Im Jemen breitet sich nicht nur das Coronavirus mit zunehmender Geschwindigkeit aus. Auch die Angst greift immer stärker um sich. Die Zahl der Beerdigungen hat drastisch zugenommen, ebenso die Berichte über Verdachtsfälle und Krankenhäuser, die diese nicht behandeln, weil es an Schutzkleidung für die wenigen Ärzte fehle. „Die Leute wissen, dass sie auf sich allein gestellt sind“, sagt ein Einwohner der jemenitischen Hauptstadt am Telefon, der auch von der Tragödie um den Herzkranken berichtet.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Aussichten sind düster. Die Vereinten Nationen gehen von einer „ausgewachsenen Verbreitung“ aus. Sie schätzen, dass sich bis zu 16 Millionen Jemeniten mit dem Coronavirus infizieren könnten. Die Bevölkerung ist von Krieg, Hunger und Seuchen ausgezehrt, das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Auf die politischen Führer können sich die Leute kaum verlassen. Deren Reaktion sei „erstaunlich rücksichtslos“, heißt es in einer Analyse der Denkfabrik „Sanaa Center for Strategic Studies“. Zugleich falle der Rückgang der internationalen finanziellen Unterstützung in die denkbar schlechteste Zeit. UN-Hilfsorganisationen warnen schon länger vor einem Massensterben, sollte die Corona-Pandemie den Jemen erfassen. Sie klagen über Finanzierungslücken und darüber, dass zugesagtes Geld nicht fließt. Bisher ist nur ein Bruchteil bei ihnen angekommen.

          Eine „makabre Tragödie“

          Als der UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock die Ergebnisse einer neuen Geberkonferenz vom Dienstagabend kommentierte, sagte er, der Jemen stehe vor einer „makabren Tragödie“. Das Land werde ein „schreckliches“ Jahresende erleben, sollte nicht noch mehr Geld zusammenkommen. Es seien 1,35 Milliarden Dollar zugesagt worden, etwa die Hälfte dessen, was auf der Konferenz im vergangenen Jahr zusammengekommen sei. „Bitte zahlen Sie sofort – es wird den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten“, appellierte er an die Geber. Lowcock hatte die Konferenz zum Test dafür erhoben, „ob die Welt bereit ist, den Jemen von der Klippe fallen zu sehen“.

          Lise Grande, die UN-Nothilfekoordinatorin für den Jemen, hatte nicht einmal die erhofften 2,4 Milliarden Dollar zum Maßstab genommen. Sie hatte vor „katastrophalen Einsparungen“ gewarnt, sollten nicht wenigstens 1,6 Milliarden Dollar zusammenkommen. „Wir werden dann nicht mehr die Lebensmittel bereitstellen können, die die Menschen zum Überleben brauchen“, sagte sie. Das sei Hilfe, die derzeit zwei Millionen unterernährte Kinder vor dem Hungertod bewahre.

          Die jemenitischen Akteure sind nicht schuldlos daran, dass Zurückhaltung unter den Gebern herrscht. Die Houthi haben versucht, den UN eine Abgabe auf ihre Hilfslieferungen abzupressen, das Vorhaben aber auf entsprechenden Druck ausgesetzt. Die amerikanische Regierung strich Hilfsgelder in Höhe von etwa 70 Millionen Dollar, die für den Nordjemen gedacht waren, den die von Iran geförderten Houthi kontrollieren. Auch jetzt, da die Corona-Pandemie mit Wucht einzuschlagen scheint, weckt das Verhalten der herrschenden Rebellen nicht gerade Vertrauen.

          Hilfsorganisationen beschimpft

          Das fing damit an, dass die Schuld auf somalische Migranten geschoben wurde, und setzte sich fort mit einer Stellungnahme des Gesundheitsministeriums in Sanaa, das am 29. Mai behauptete, die Weltgesundheitsorganisation WHO habe den Behörden unzureichende Testgeräte bereitgestellt. Ein Sprecher legte später nach und beschimpfte westliche Hilfsorganisationen als „faul“. Das Ministerium erklärte ferner, es wolle lieber das Bewusstsein der Leute schärfen und sie zur Eigenverantwortung ermutigen, als ihnen mit Statistiken und Fallzahlen zu kommen. Das wirke sich negativ auf die Psyche aus und schaffe ein Klima der Angst.

          Nach dem, was aus Sanaa zu hören ist, erreichen die Houthi genau das Gegenteil. Ein besorgniserregendes Gerücht folgt dem nächsten. Twitter und Facebook sind voll davon. Leute gehen nicht ins Krankenhaus aus Angst vor Stigmatisierung und Verfolgung durch die Behörden. Medizinisches Personal klagt hinter vorgehaltener Hand, die paranoiden Houthi versuchten das Problem mit allen Mitteln zu verschleiern. Immer wieder werden Stadtviertel von ihren Kämpfern scheinbar willkürlich abgeriegelt. „Das könnten Testballons sein, wie die Bevölkerung auf einen Lockdown reagiert“, sagt ein jemenitischer Sicherheitsexperte, der die Kritik an der Verschleierungsstrategie der Houthi teilt, aber auch darauf hinweist, dass auch die Corona-Pandemie „längst politisiert wurde“.

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          Die bewaffneten Machtkämpfe, die das Land zerreißen, dauern ungeachtet der tödlichen Bedrohung durch das Virus an. Das gilt für den Konflikt zwischen den Houthi und der ins Exil gedrängten Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi, die von einer saudisch geführten Koalition unterstützt wird. So mischte sich in die Klagen über die Ergebnisse der Geberkonferenz auch Kritik von Menschenrechtlern, dass die Luftwaffe des mitausrichtenden Landes und größten Geldgebers, Saudi-Arabien, immer wieder auch zivile Infrastruktur treffe. Im Süden des Jemen bekriegen sich auch die Regierung Hadis und Sezessionisten weiter. Dort ist der Zustand des Gesundheitssystems nicht besser als im Norden. Ein hoher Funktionär der Separatisten beschreibt die Lage als „katastrophal“.

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