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Vereinigte Staaten : Weniger Todesurteile, weniger Hinrichtungen

  • -Aktualisiert am

Die Todeszelle des berüchtigten Huntsville-Gefängnisses in Texas Bild: dpa

Die Bedenken vor der Todesstrafe in Amerika wachsen, gleichzeitig werden weniger Morde verübt: Die Zahl der Hinrichtungen ist auf einem historischen Tiefpunkt angelangt.

          3 Min.

          Amerikanische Gerichte sprechen immer weniger Todesurteile. Wie das Informationszentrum für die Todesstrafe in Washington mitteilte, wurden im vergangenen Jahr 78 des Mordes für schuldig erklärte Straftäter zum Tod verurteilt. Im Vorjahr hatten die Gerichte dagegen noch 112 Mörder in den Todestrakt geschickt. Nach Recherchen des „Death Penalty Information Center“ (DPIC) lag die Zahl der Todesurteile im Jahr 2011 damit seit der Wiedereinführung der Todesstrafe in den Vereinigten Staaten vor 35 Jahren erstmals unter 100.

          „Dieses historische Tief reflektiert die Bedenken der Öffentlichkeit gegenüber der Todesstrafe“, sagt DPIC-Direktor Richard Dieter. Da DNA-Proben in den vergangenen Jahren mehrfach die Unschuld von Todeskandidaten bewiesen haben, regen sich Dieter zufolge inzwischen bei vielen Amerikanern Zweifel an der Todesstrafe. Auch die Empörung in anderen Ländern spiele ein Rolle. So hätten aufsehenerregende Fälle wie der von Troy Davis, der trotz Protesten und einer Fülle widerrufener Zeugenaussagen Ende September in Georgia hingerichtet wurde, selbst überzeugte Befürworter der „death penalty“ zum Umdenken bewogen. „Da durch die Todesstrafe unter Umständen das Leben eines Unschuldigen riskiert wird“, so Dieter, „ist das Vertrauen erschüttert.“

          „Grausame und ungewöhnliche Bestrafung“

          Vertreter von Opferverbänden und Staatsanwälte machen dagegen die rückläufige Zahl von Morden und häufiger verhängte lebenslange Haftstrafen für den Rückgang der Todesurteile verantwortlich. „Die Zahlen belegen, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Todesstrafe bei seltenen und grausamen Taten immer noch als passende Strafe ansieht“, sagte Scott Burns, der Direktor des Nationalen Verbands der Staatsanwälte, dem Fernsehsender MSNBC. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup im Oktober sprachen sich jedoch nur noch 61 Prozent der befragten Amerikaner für eine Hinrichtung verurteilter Mörder aus. Die Zahl markiert den geringsten Zuspruch seit 1972, als der Oberste Gerichtshof die Todesstrafe wegen verfassungsrechtlicher Bedenken vorübergehend als „grausame und ungewöhnliche Bestrafung“ aussetzte. Seit der Supreme Court die Todesstrafe 1976 nach der Einführung „objektiver“ Kriterien bei der Vollstreckung wieder zuließ, wurden in Amerika weitere 1277 Menschen exekutiert.

          Nicht nur die Zahl der Todesurteile sinkt - auch die Zahl der Hinrichtungen. Nachdem vor zehn Jahren noch etwa 80Straftäter exekutiert worden waren, sank die Zahl im Jahr 2011 auf 43. Der hinrichtungsfreudigste Bundesstaat bleibt weiterhin Texas. Der „Lone Star State“ ließ im vergangenen Jahr 13 Straftäter in die Todeszelle bringen. Obwohl in Kalifornien mehr Todeskandidaten als in jedem anderen Bundesstaat auf die Hinrichtung warten, wurde auch im vergangenen Jahr keiner der 722 verurteilten Mörder in die Todeszelle geschickt. Wegen Diskussionen um die Hinrichtung mit der Giftspritze und der Sanierung des Todestrakts im Gefängnis von San Quentin hatte Bundesrichter Jeremy Fogel vor sechs Jahren Exekutionen in Kalifornien ausgesetzt. Die Verteidiger des verurteilten Mörders Michael Morales und anderer Todeskandidaten hatten damals vorgetragen, dass das in dem Giftcocktail verabreichte Hypnotikum Thiopental die Straftäter nicht ausreichend betäube und sie daher „übermäßige Schmerzen“ erlitten. „Die Zeit ist reif, die Todesstrafe durch eine lebenslange Haftstrafe ohne Aussicht auf Bewährung zu ersetzen“, sagt die Juristin Natasha Minsker, die sich bei der Amerikanischen Bürgerrechtsunion (ACLU) für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzt. „Jeder Versuch, neue Regeln für die Giftspritze aufzustellen, kostet viel Zeit und Hunderte Millionen Dollar.“

          New York, New Jersey, New Mexico und vor einigen Monaten auch Illinois haben die „death penalty“ gestrichen; sie wird nur noch in 34 Bundesstaaten verhängt. Und nun erwägt auch Kalifornien ihre Abschaffung. Die demokratische Senatorin Loni Hancock hat ein entsprechendes Gesetz formuliert, über das die Bewohner des „Golden State“ voraussichtlich im November 2012 entscheiden. Ein Grund, für „Senate Bill 490“ zu stimmen, könnte dabei die desolate Finanzlage Kaliforniens sein. Laut einer Studie des Berufungsrichters Arthur Alarcon und der Jura-Professorin Paula Mitchell haben die 13 Hinrichtungen, die Kalifornien in den Jahren 1978 bis 2006 ausführte, die Steuerzahler etwa vier Milliarden Dollar gekostet.

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