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Vereinigte Staaten : Dein Nachbar mit der Waffe

  • -Aktualisiert am

Ein Revolver zum Ausleihen in einem Waffenclub in Los Angeles Bild: AFP

Eine amerikanische Zeitung hat enthüllt, wer in den Landkreisen Putnam, Rockland und Westchester einen Waffenschein hat und die Adressen der Besitzer bekanntgemacht. Zur Waffendebatte gesellt sich in Amerika nun also eine über die Privatsphäre.

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          Dwight R. Worley besitzt eine Pistole, und zwar eine „Smith & Wesson“ 686, Kaliber 357 „Magnum“. Den erforderlichen Waffenschein hat er auch. Worley macht aus seinem Waffenbesitz kein Geheimnis. Er hat die Information sogar an den Anfang seines Artikels in der Zeitung „The Journal News“ vom zweiten Weihnachtsfeiertag gesetzt. Das Blatt gehört zum Verlag „Gannett“, der unter anderem die auflagenstärkste amerikanische Tageszeitung „USA Today“ veröffentlicht.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Zeitung, die in den Landkreisen nördlich von New York City vertrieben wird, hat mit dem Artikel von Worley und seinen Kollegen jetzt einen Sturm der Entrüstung entfacht. Denn das Blatt hat in dem Artikel „Dein Nachbar mit der Waffe“ enthüllt, wer in den Landkreisen Putnam, Rockland und Westchester einen Waffenschein hat - und auf einer Karte gleich die Adressen der Waffenscheinbesitzer dazu bekannt gemacht. An die Informationen kam die Redaktion unter Berufung auf das 1966 verabschiedete Gesetz „Freedom of Information Act“, das dem Bürger das Recht auf Akteneinsicht bei Behörden gibt, sofern die Informationen nicht der Geheimhaltung unterliegen. In den betroffenen Landkreisen, im gesamten Bundesstaat New York etwa sind Informationen über die Ausgabe von Waffenscheinen nicht geheim oder vertraulich. In anderen Bundesstaaten gibt es restriktivere Bestimmungen, in New York aber darf jeder wissen, wer einen Waffenschein hat.

          Los Angeles: Ein Polizist entsorgt ein Gewehr im Rahmen eines Rückkaufprogramms, in der Bürger aufgefordert wurden, ihre Waffen abzugeben. Bilderstrecke
          Los Angeles: Ein Polizist entsorgt ein Gewehr im Rahmen eines Rückkaufprogramms, in der Bürger aufgefordert wurden, ihre Waffen abzugeben. :

          Und das sind in den drei von der Zeitung ausgewählten Landkreisen immerhin gut 40000 Personen, etwa einer von 23 Erwachsenen. Aus den bloßen Zahlen und den einzelnen Anschriften geht freilich nicht hervor, wer welche Waffe besitzt oder ob es in dem betreffenden Haushalt mehrere Waffen oder auch gar keine Schusswaffe (mehr) gibt - Waffenscheine in New York haben unbefristete Gültigkeit. Redaktion und Verlag verteidigten die Veröffentlichung der Daten mit dem Argument, die Bürger hätten „ein Recht auf öffentlich zugängliche Informationen zu strittigen Fragen, auch wenn das unpopulär ist“. Natürlich sind die Recherche und deren Ergebnis eine direkte Reaktion auf das Massaker an der „Sandy Hook“-Grundschule von Newtown in Connecticut vom 14. Dezember mit 27 Mordopfern. Die Mutter des Täters, Nancy Lanza, war das erste Opfer der Bluttat, und sie war auch die rechtmäßige Besitzerin der Tatwaffen ihres Sohnes, zumal des „Bushmaster“-Sturmgewehrs, mit dem Adam Lanza jedes seiner Opfer mehrmals traf, ehe er sich selbst tötete.

          Kritik an „The Journal News“

          Die Veröffentlichung der Namen und Anschriften der Waffenscheinbesitzer in den New Yorker Landkreisen durch die Lokalzeitung hat die nationale Debatte über die amerikanische Waffen-„Kultur“ daher auch abermals angeheizt. Der Sprecher des mächtigen Verbandes des Waffenbesitzer NRA, Andrew Arulanandam, verurteilte die Veröffentlichung der Daten als „gefährlich“. Es sei „unglaublich ignorant und unverantwortlich von der Zeitung, eine Landkarte mit jenen Häusern zu veröffentlichen, in denen es Schusswaffen gibt“. Der Präsident der „New York Rifle & Pistol Association“, Tom King, geißelte die Karte als „Einkaufsliste für Kriminelle“: Wo es keine Waffen(scheine) gebe, lasse sich gefahrlos einbrechen. Paul Piperto vom Landkreis Rockland warnte: „Es gibt Richter, pensionierte Polizisten und FBI-Mitarbeiter, die Waffenscheine habe, und wenn alle Welt weiß, wo sie wohnen, sind sie in Gefahr.“

          Auf der Internetseite der Zeitung sowie auf dem Facebook-Debattenforum des Blattes entwickelte sich eine hitzige Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern der Aktion. Zornige Leser veröffentlichten im Gegenzug Namen und Adressen der Zeitungsredakteure. Andere äußerten die Ansicht, für Eltern sei es wichtig zu wissen, in welchem Haushalt es Waffen gebe - so könnten sie entscheiden, ob sie ihren Kinder erlauben, dorthin eine Einladung zum Geburtstag oder zum Spielen anzunehmen. Potentielle Hauskäufer könnten ihre Kaufentscheidung davon abhängig machen, ob es in einer Straße überdurchschnittlich viele Waffenbesitzer gebe, schrieb ein weiterer Debattenteilnehmer.

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