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Empörung über Segnungsverbot : Organisierter Widerstand gegen den Vatikan

Eine Regenbogenfahne an der Pfarrkirche Breitenfeld in der österreichischen Hauptstadt Wien am 19. März Bild: dpa

Das Verbot der Segnung homosexueller Paare lässt den Konflikt zwischen dem Vatikan und den deutschen Katholiken eskalieren. Der Protest gegen die Entscheidung aus Rom erhält weitaus mehr Zuspruch als erwartet.

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          Mit einer derartig großen Resonanz hatte niemand gerechnet: Mehr als 2000 Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten sowie Ordensleute haben sich bis Montag dem Protest gegen das Nein des Vatikans zur Segnung homosexueller Paare angeschlossen; initiiert hat den Widerstand der katholische Pfarrer Bernd Mönkebüscher aus Hamm gemeinsam mit dem Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose. Schätzungsweise ein Drittel derjenigen, die sich dem Protest anschlossen, seien Priester, sagte Mönkebüscher der F.A.Z. Seine und Hoses Erklärung ist nicht weniger als ein Aufruf zu kirchlichem Ungehorsam: „Angesichts der Absage der Glaubenskongregation, homosexuelle Partnerschaften zu segnen, erheben wir unsere Stimme und sagen: Wir werden Menschen, die sich auf eine verbindliche Partnerschaft einlassen, auch in Zukunft begleiten und ihre Beziehung segnen“, heißt es darin.

          Thomas Jansen
          (tja.), Politik

          Vatikanische Schreiben stoßen in Deutschland traditionell auf wenig Gegenliebe. Aber mit der Empörung über die Absage der Glaubenskongregation an Segensfeiern für homosexuelle Paare vom vergangenen Montag hat der deutsch-vatikanische Dauerkonflikt offenbar eine neue Eskalationsstufe erreicht. Nicht nur Laienverbände und Pfarrer, auch etliche leitende Geistliche, Bischöfe und mehr als 200 Theologie-Professoren brachten ihren Unmut und ihr Unverständnis mit deutlichen Worten und Gesten zum Ausdruck.

          So sagte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick am Sonntag in seiner Predigt demonstrativ, man erbitte den Segen Gottes nicht nur für Familien, sondern auch für Alleinstehende und für die Menschen, „die andere Lebensformen für sich gewählt haben“. Das Bistum Limburg präsentierte sich auf Facebook mit einem Limburger Dom, der von einem Kreis in Regenbogenfarben umschlossen wird.

          Bischöfe sind „enttäuscht„ und „schockiert“

          Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck forderte am Freitag in einem Brief an alle Pfarreien seines Bistums eine „ernsthafte und zutiefst wertschätzende“ Hinwendung der Kirche zu Schwulen und Lesben. Der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers nannte das vatikanische Schreiben „enttäuschend“. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode äußerte, „solche einfachen Antworten, das hat sich längst gezeigt, beenden Fragen nicht, sondern befeuern sie eher“. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf sagte, die Kirche könne Erkenntnisse der Wissenschaften „nicht ignorieren“. Der Speyerer Generalvikar Andreas Sturm schrieb auf Facebook, er sei „schockiert und fassungslos“.

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          Auch aus der akademischen Welt ist der Widerspruch ungewohnt stark: In einer an der Universität Münster ausgearbeiteten Stellungnahme, die bislang mehr als 200 Theologieprofessoren unterzeichnet haben, wird dem vatikanischen Schreiben „Mangel an theologischer Tiefe, an hermeneutischem Verständnis sowie an argumentativer Stringenz“ vorgeworfen.

          Zustimmung gab es wie üblich vor allem aus Süddeutschland, vom Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, vom Passauer Bischof Stefan Oster und vom Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke; der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt sekundierte. Er verbinde mit der Äußerung des Lehramts die Hoffnung, dass sie Orientierung gebe und damit auch „größere Einmütigkeit“ befördere, sagte Oster. Der Umgang mit homosexuellen Paaren wird in den deutschen Bistümern unterschiedlich gehandhabt: Manche Bischöfe tolerieren Segnungsfeiern, solange sie kein großes Aufsehen erregen. Bisweilen würden solche Feiern sogar in Pfarrbriefen vermeldet, berichtet Mönkebüscher. Andere Bischöfe untersagen sie strikt und belegen Geistliche, die dagegen verstoßen, mit Sanktionen.

          Was sagt Papst Franziskus? 

          Vor allem der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hatte sich in den vergangenen Monaten für Segnungsfeiern starkgemacht. Um sich abzusichern, hatte er Stellungnahmen von 38 namhaften Theologen zu diesem Thema eingeholt. Von ihnen äußerten sich nach Bistumsangaben 32 positiv zu einer Segnung homosexueller Paare, sechs hielten dies für nicht mit der kirchlichen Lehre vereinbar. Bätzing hatte schon kurz nach der Veröffentlichung des Schreibens vor einer Woche mitgeteilt, dass es auf „derartige Fragen keine einfachen Antworten“ gebe – eine kaum verhüllte Ohrfeige für die Oberen in der Glaubenskongregation.

          Auch für den „Synodalen Weg“ war das vatikanische Schreiben ein herber Schlag. Die kirchliche Sexualmoral bildet einen der vier Schwerpunkte des Beratungsprozesses. Weil die Absage an Segnungen homosexueller Paare auch damit begründet wird, dass solche Paare Sex außerhalb der Ehe praktizierten, bleibt nun auch in anderen Fragen der Sexualmoral kaum Spielraum. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, kündigte an, man werde das Thema Segnungsfeiern dennoch weiter verfolgen.

          Nicht nur unter deutschen Katholiken hat das vatikanische Schreiben Empörung hervorgerufen, auch in Österreich und Belgien gibt es heftige Kritik. In Österreich veröffentlichte die Pfarrerinitiative einen „Aufruf zum Ungehorsam 2.0“. Zu der Initiative gehören nach eigenen Angaben 380 Priester und Diakone. In Belgien hatte der Antwerpener Bischof Johan Bonny der Zeitung „De Standaard“ in einer ersten Reaktion gesagt, er schäme sich für seine Kirche und sei wütend. Seiner Position hatte sich auch die belgische Bischofskonferenz angeschlossen.

          Papst Franziskus hat sich bislang nicht direkt dazu geäußert. Er sei in einer Audienz vom Sekretär der Glaubenskongregation informiert worden und habe die Veröffentlichung „gutgeheißen“, heißt es in dem Schreiben. Am Sonntag sagte Franziskus vor dem Angelus-Gebet, ein „trockener Boden“ für die Verkündigung der frohen Botschaft seien auch „legalistische Einforderungen oder klerikaler Moralismus“.

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