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Venezuelas Gesundheitswesen : Land ohne Ärzte

Kaum noch Ärzte, keine Medikamente und eine steigende Inflation: Die Unzufriedenheit der Venezolaner mit ihrer Regierung wächst. Immer mehr Menschen protestieren - wie hier in Caracas. Bild: EPA

Die Weltgesundheitsorganisation schlägt Alarm: Immer mehr Ärzte verlassen Venezuela. Zusammen mit dem umfassenden Medikamentenmangel führt das zu einem Anstieg etlicher Krankheiten.

          Venezuela droht der Kollaps des Gesundheitswesens. Das geht aus einem internen Bericht des regionalen Büros der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervor, der nun an die Öffentlichkeit gelangte.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Laut der Studie, die anlässlich eines geschlossenen Treffens in Washington vorgestellt wurde, haben mehr als 20.000 Ärzte Venezuela verlassen. Das entspricht rund einem Drittel der 66.000 eingeschriebenen Ärzte. Auch die Anzahl anderer medizinischer Fachkräfte ist geschrumpft, was das Gesundheitswesen in Venezuela an den Rand des Zusammenbruchs geführt hat.

          Bereits seit längerem klagt das venezolanische Gesundheitswesen über den Mangel an medizinischem Ausrüstungsmaterial und Medikamenten. Die meisten Krankenhäuser arbeiten unter höchst prekären Bedingungen und können die Bevölkerung nicht ausreichend versorgen.

          Der Bericht der WHO widerlegt die Darstellung der venezolanischen Regierung. Vor den Vereinten Nationen hatte der venezolanische Außenminister Jorge Arreaza vergangene Woche versichert, dass die kostenlose Gesundheitsversorgung der venezolanischen Bevölkerung garantiert sei.

          HIV, Tuberkulose, Malaria und Masern

          Die Statistiken zeigen ein anderes Bild. Diverse Krankheiten haben sich in den vergangenen Jahren und Monaten rasant ausgebreitet. So zum Beispiel HIV. Während die Verbreitung der Immunkrankheit weltweit rückläufig ist, haben die Fälle in Venezuela zugenommen. Zwischen 2010 und 2016 war ein Anstieg der Infektionen von 24 Prozent zu verzeichnen. Gleichzeitig erhalten achtzig Prozent der rund 79.000 HIV-Patienten, die sich in Therapie befinden, die für eine Behandlung benötigten Medikamente nicht mehr, was sie in Lebensgefahr bringt. Selbst Präservative sind in Venezuela schwer zu finden und für die meisten Venezolaner ohnehin unbezahlbar.

          Auch die Fälle von Tuberkulose, Malaria, Masern und Diphtherie haben zugenommen und in den vergangenen Monaten etliche Todesfälle verursacht. Gerade die Zunahme von übertragbaren Krankheiten versetzt die Länder der Region in Sorge. Mit dem Flüchtlingsstrom, der sich von Venezuela in die Nachbarländer bewegt, breiten sich auch die Krankheiten aus. Bereits wurden eingeschleppte Fälle von Masern in Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Ecuador und Peru entdeckt, wo die Krankheit so gut wie ausgerottet war. Keine Statistik verdeutlicht den Zusammenbruch des Gesundheitswesens besser als die Kindersterblichkeit. Laut offiziellen Zahlen ist die Rate der Kindersterblichkeit in Venezuela heute wieder auf dem Stand von 1977 – ein Rückschritt von vierzig Jahren.

          Das Regime in Caracas weigert sich weiter, einen humanitären Hilfskorridor einzurichten, um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung mit ausländischer Hilfe zu gewährleisten. Auch Hilfsorganisationen wie Caritas oder Ärzte ohne Grenzen haben in Venezuela einen schweren Stand. Private Hilfslieferungen mit Medikamenten werden in der Regel von den Behörden beschlagnahmt, um die dem öffentlichen Gesundheitswesen – oder dem blühenden Schwarzmarkt – zuzuführen. Anstatt eines humanitären Korridors hat Venezuela im Rahmen einer „strategischen Partnerschaft“ Hilfe von China angenommen. Peking hat ein Hospitalschiff der Marine nach Venezuela entsandt, das seit einigen Tagen im Hafen von La Guaira vor Anker liegt. Auch kubanische Ärzte befinden sich im Einsatz. Im August hatte das venezolanische Regime die Entsendung eines amerikanischen Hospitalschiffs in die Region, um venezolanische Flüchtlinge in Kolumbien zu versorgen, scharf kritisiert.

          Der Mangel an Medikamenten und die prekäre Situation des Gesundheitswesen gehören zu den Hauptursachen für den Exodus unzähliger Venezolaner. Laut Angaben der Vereinten Nationen haben seit 2015 mehr als zwei Millionen Venezolaner das Land verlassen. Mindestens ebenso dramatisch ist der Mangel an Lebensmittel, der große Teile der Bevölkerung betrifft. Viele Venezolaner haben Gewicht verloren. Am stärksten Betroffen sind Kinder. Die Zahl der unterernährten Kindern ist seit 2017 besorgniserregend angestiegen.

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