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Venezuela : Eingepferchte Nomaden

  • -Aktualisiert am

Vorwärts, Kommandant! heißt es auf einem Plakat in Caracas Bild: Josef Oehrlein

Vor lauter Missionen und Initiativen soll keinem Venezolaner auffallen, dass Chávez für Venezuela keinen Plan hat. Alle spüren aber die Konfrontation. Vor allem in der Hauptstadt Caracas.

          6 Min.

          Den Gemüsegarten gibt es immer noch. Im Schatten eines Hotelturms wachsen mitten in Caracas Salat, Zwiebeln und Tomaten. Das Hotel war einmal das Hilton, jetzt heißt es „Alba“, also „Morgenröte“, und wird von Kubanern verwaltet. Auf einer Brachfläche daneben, die eigentlich bebaut werden sollte, ließ die Regierung von Präsident Hugo Chávez vor ein paar Jahren den Garten anlegen. Gleich daneben findet an einem Stand die sozialistische Direktvermarktung statt. Besser gesagt, sie fände statt, wenn die gelben Kästen nicht fast alle leer wären. Ein paar Lauchstangen lassen in der Mittagshitze ihre Köpfe hängen. „In einigen Tagen ist der Salat soweit“, verspricht die junge Verkäuferin, die außer dem Lauch nichts zu verkaufen hat. Sie deutet auf die Beete, aus denen zaghaft grüne Blätter sprießen.

          Etwas üppiger gedeckt ist der Verkaufstisch der „Fundos Zamoranos“ in direkter Nachbarschaft. Mächtige Melonen machen auf sich aufmerksam. Dieser Marktstand wird von den landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften beschickt, denen Chávez den General Ezequiel Zamora (1817 bis 1860) als Paten zugeteilt hat. Sie bewirtschaften in verschiedenen Landesteilen zuvor brachliegende oder enteignete Nutzflächen. Einem Aushang ist die sozialistische Preisgestaltung zu entnehmen. Gleich ob Zitrone, Bohne, Paprika, Banane, Zwiebel oder Kakao – ein Kilo kostet zehn Bolívares, nach offiziellem Kurs also 1,77 Euro, nach dem Schwarzmarktkurs ein Euro. Nur Käse, Guayaba-Marmelade und Eier sind teurer.

          Fünf oder sechs Häusergevierte weiter in Richtung Zentrum der venezolanischen Hauptstadt, in dem die „Chavistas“ die Oberhand haben, bietet eine vielleicht vierzig Jahre alte Frau auf dem Bürgersteig Unterwäsche an. Sie blickt auf ein futuristisch anmutendes fensterloses, blau-rotes Gebäude, dessen Pforten verrammelt sind. Das sollte ein „Shopping Center“ mitten im populären Stadtviertel „La Candelaria“ werden. Die einzelnen Läden waren schon vermietet, der Komplex stand kurz vor der Eröffnung, als Chávez zuschlug. Im Dezember 2008 hatte er in seinem Alleinunterhaltungsprogramm „Aló Presidente“ (Hallo, Präsident) das Gebäude kurzerhand zum „Monstrum des Kapitalismus“ erklärt. Als er zwei Jahre später die Enteignung verfügte, konnte das schon keinen mehr überraschen. In den Bau sollten „sozialistische Märkte“ einziehen und die „revolutionäre Kultur“ propagieren.

          Früher bevölkerten die Buhoneros mit ihren Ständen das Zentrum von Caracas
          Früher bevölkerten die Buhoneros mit ihren Ständen das Zentrum von Caracas : Bild: Josef Oehrlein

          Geschehen ist nichts, das Gebäude steht leer. Die „Buhoneros“, wie die Straßenhändler in Venezuela genannt werden, sind erbost. „Wir hatten gehofft, dass das Shopping-Center Kauflustige in Massen herbringt. Davon hätten auch wir profitiert. Aber jetzt ist tote Hose“, sagt die Wäscheverkäuferin. Sie bekennt freimütig, dass sie an den internen Wahlen der Opposition am 12. Februar teilgenommen und wie die große Mehrheit für Henrique Capriles gestimmt hat, den Gouverneur von Miranda. Er soll es am 7. Oktober mit Chávez aufnehmen.

          Andere fliegende Händler in dem Areal bekennen sich zwar zum Chavismus, aber auch sie wehren sich gegen die Enteignung des Einkaufszentrums. Sie können an einem Konsumtempel nichts Verwerfliches finden. Gefährlicher sei es geworden. In dem Parkhaus, das für die Kunden gedacht war, wurden Obdachlose untergebracht. Die meisten haben bei sintflutartigen Niederschlägen, wie sie Venezuela regelmäßig heimsuchen, ihre Behausung verloren. „Unter die Betroffenen hat sich allerlei Gesindel gemischt, das sich das Essen und die finanziellen Zuwendungen erschleichen will“, sagt ein Straßenhändler, der gegenüber dem Parkhaus CD-Raubkopien feilbietet. „Da sind bewaffnete Verbrecher darunter.“

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