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Venezuela : Ein „Lula“ gegen den anderen

  • -Aktualisiert am

In den Umfragen vorne: Präsident Hugo Chávez (mit erhobener Faust auf dem Wagen) im Wahlkampf am 1. Juli Bild: dpa

In Venezuela haben die beiden Kandidaten für das Präsidentenamt nur eines gemeinsam: Sie führen ihre Wahlkämpfe nach brasilianischem Vorbild.

          Eigentlich ist in Venezuela immer Wahlkampf. Jede Rede, jeder öffentliche Auftritt des Präsidenten Hugo Chávez ist Teil einer Dauerkampagne. Seine nahezu tägliche Präsenz in den Medien, seine stundenlangen Alleinunterhaltungssendungen sind Wahlpropaganda in eigener Sache. Doch seit Chávez immer wieder und unterschiedlich lange wegen seiner Krebserkrankung abwesend ist, hat sich die Szene entscheidend gewandelt. Chávez ist nicht mehr allgegenwärtig, und er hat überdies in dem früheren Gouverneur Henrique Capriles Radonski zum ersten Mal einen ernstzunehmenden Konkurrenten, hinter dem praktisch die gesamte Opposition steht.

          Die heiße Phase der Kampagne zur Präsidentenwahl am 7. Oktober hat begonnen. Chávez und Capriles sind offiziell eingeschriebene Spitzenkandidaten beider Lager. Capriles geht von Haus zu Haus auf Stimmenfang und traut sich selbst in die Höhle des Löwen - in die Heimatprovinz von Chávez, Barinas. Chávez selbst taucht nach den langen Phasen seiner Krebsbehandlung inzwischen wieder häufiger in der Öffentlichkeit auf - und versucht, den Eindruck zu erwecken, dass er vollständig von seiner Krebserkrankung geheilt sei.

          Der Wahlkampf verlangt es, dass der frühere Oberstleutnant Chávez seine Stärke demonstriert. „Heute wie morgen werden wir siegreich sein in Carabobo“, sagte er am 24. Juni. In frischer Erinnerung sind allerdings noch die Bilder, als er wegen der Krebsbehandlung kahlköpfig und aufgedunsen war und bei einer kirchlichen Feier Christus anflehte, noch ein wenig leben zu dürfen. Solche Szenen mögen Mitleid erwecken, doch sie sind kontraproduktiv im Wahlkampf. Deshalb arbeitet eine Mannschaft von Marketingfachleuten daran, den kranken Chávez so zu präsentieren, dass er als Kandidat glaubwürdig wirkt, der eine gesamte Amtsperiode durchzuhalten vermag.

          Der junge Herausforderer und Kandidat der Opposition, Henrique Capriles Radonski

          Der Oppositionskandidat Capriles hat ein anderes Problem. Er muss als Spross einer der reichsten Familien Venezuelas den Ruf loswerden, die Sache der von Chávez als „Oligarchie“ verteufelten politischen Kaste der Konservativen zu vertreten. Und er muss zeigen, dass er trotz seiner Jugend dem alten Hasen Chávez das Wasser reichen kann. Im Amt des Gouverneurs des Bundesstaats Miranda, der Teile der Hauptstadt Caracas einschließt, hat Capriles zwar gute Arbeit geleistet, doch das reicht nicht, um das Image des jungen, in der großen Politik unerfahrenen Springinsfeld loszuwerden.

          Es scheint nur auf den ersten Blick ein Zufall zu sein, dass sowohl Chávez als auch Capriles brasilianische Berater für den Wahlkampf herangezogen haben. Chávez hat den Marketingexperten João Santana engagiert, der dem früheren Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva 2006 zu seiner Wiederwahl und dessen Nachfolgerin Dilma Rousseff 2010 zum Einzug ins Präsidentenamt verhalf. Capriles versicherte sich der Dienste der Agentur Prole und ihres Chefstrategen Renato Pereira, der dem Gouverneur von Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, und dem Bürgermeister von Rio, Eduardo Paes, den Wahlsieg sicherte.

          Die brasilianischen Kampagnen verbreiten Freude

          Dass in Venezuela die Wahl nicht nur zwischen den Spitzenkandidaten von Regierung und Opposition entschieden wird, sondern auch zu einem Kräftemessen zwischen zwei brasilianischen Wahlstrategen gerät, hat verschiedene Gründe. In Brasilien hat die wissenschaftliche Erforschung des Wählerverhaltens einen hohen Stand erreicht, was sich die Berateragenturen und ihre Experten schon früh zunutze gemacht haben. Ihre Erfahrungen und ihre Kenntnisse, die sie nicht nur zu Hause, sondern auch in anderen Ländern Lateinamerikas gesammelt und angewandt haben, lassen sie Spezialisten aus den Vereinigten Staaten überlegen erscheinen, die früher zu Rate gezogen wurden. Die von brasilianischen Fachleuten entworfenen Wahlkampagnen seien pragmatischer, direkter an das Volk gerichtet und verbreiteten ein gewisses Gefühl der Freude, haben Kollegen Santanas und Pereiras festgestellt.

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