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Venezuela : Der Präsident ist selbst ganz überwältigt

  • -Aktualisiert am

Hugo Chávez ließ sich am Montag von Barinas nach Sabaneta fahren. Am Steuer saß sein Außenminister, Nicolas Maduro Bild: dapd

Hugo Chávez möchte Venezuela weiterregieren. Seine Heimatstadt ist längst ein Pilgerziel für seine Anhänger. Seine Gegner sehen hier aber eklatante Belege für das Scheitern des Chavismus.

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          Es ist eine Straßenecke wie viele andere in Sabaneta. In der Tür eines bescheidenen Metzgerladens hocken Männer zum Nachmittagsplausch. Felipe Milano tritt zu ihnen und mischt sich ein. „Das hier war mal eine Schule, ich habe sie gegründet, der Anfang war sehr schwer“, erzählt er und deutet auf die Fleischtheke. „Als ich hierher kam, gab es gar nichts, keine Tische keine Stühle, keine Schüler.“ Felipe Milano ist pensionierter Geschichtslehrer. Was heute als Metzgerladen dient, war einmal das Gymnasium, das er im Landstädtchen Sabaneta in den venezolanischen Llanos, der Savannenebene, aus dem Nichts aufgebaut hat.

          „Im Erziehungsministerium hieß es, im Bundesstaat Barinas haben wir niemanden. Geh nach Sabaneta und gründe dort ein Gymnasium.“ Also schaffte Milano Pulte, Tische, Stühle, Schüler und Lehrer herbei. Nach zwei Monaten funktionierte die Schule mit 150 Schülern. Das war 1971. Zwei Jahre später erhielt das Lyzeum außerhalb des Ortes ein größeres, ein besser geeignetes Gebäude. Felipe Milanos Mission war beendet, und er wurde in die nächste größere Stadt versetzt. Eine Autostunde ist Barinas von Sabaneta entfernt.

          Die Einwohner waren verwundert

          Das Gymnasium ist weg, aber gegenüber vom Metzgergeschäft breitet sich noch heute die Grundschule Julián Pino aus. Sie besuchte ein Schüler, der das unscheinbare Agrarstädtchen für manche Venezolaner inzwischen zu einem Wallfahrtsort gemacht hat. Hugo Chávez, der Präsident des Landes, hat dort sechs Jahre lang die Schulbank gedrückt. In die von Felipe Milano aufgebaute höhere Schule ist er nicht mehr gekommen, weil er damals schon aufs Gymnasium gegangen war, in Barinas, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats. Und als der Geschichtslehrer nach Barinas zog, war Chávez schon 17 Jahre alt und befand sich bereits in der Militärausbildung.

          Aber Milano hat immerhin den Chávez-Bruder Aníbal, Sabanetas späteren Bürgermeister, in der provisorischen Schule in Geschichte unterwiesen und die anderen vier Chávez-Geschwister an der neuen Lehrerstelle in Barinas. Sie seien allesamt unauffällige, fleißige Schüler gewesen, sagt er. Das Haus mit dem Fleischerladen gehört einer Tante von Chávez. Von ihr hat der Metzger José Martínez den Verkaufsraum gemietet. José ist allerdings nicht gut auf Hugo Chávez zu sprechen. „Die Chávez-Brüder haben uns hier nichts genützt, Aníbal taugt für nichts. Wir haben hier die gleichen Probleme wie im ganzen Land, vor allem die Versorgung mit Strom und Wasser ist mangelhaft.“

          Und er plaudert auch aus, dass die Chávez-Tante, die noch immer in dem Gemäuer wohnt, ihren berühmten Neffen auch nicht sonderlich möge. Hugo Chávez wurde in Sabaneta geboren und von der Großmutter aufgezogen. An der Stelle, wo sich ihr Haus befand, ein paar Meter von dem zur Fleischerei mutierten Gymnasium entfernt, steht heute eine Vorschule. Hunderte leerer Plastikflaschen an den Zufahrten nach Sabaneta bezeugen noch, dass er hier war. Natürlich hat Hugo Chávez kurz vor der Präsidentenwahl am Sonntag auch Sabaneta besucht. Er hat, was viele verwunderte, aber gar keine Rede gehalten, sondern sich inmitten der Masse seiner rotgewandeten Anhänger damit begnügt, sich durch den Ort fahren zu lassen.

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