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„Vatileaks“ : Mal angenommen...

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Was wollen die „Raben“, wie Verräter in Italien genannt werden, uns mitteilen, indem sie uns diese Bilder von Zerwürfnis, Intrige und Enttäuschung vor Augen führen? Bild: Getty Images/FlickrRM

Seit Wochen spielen Unbekannte italienischen Medien geheime Dokumente aus dem Vatikan zu. Um Unrecht aufzudecken, sagen sie. Geht es wirklich darum?

          7 Min.

          „Rabe“, so nennen Italiener einen Verräter. Paolo Gabriele, der Kammerdiener des Papstes, war so ein Rabe. Während Monaten belieferte er italienische Journalisten mit geheimen Dokumenten aus dem Vatikan. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft. Die Italiener sagen auch: „Ein Rabe fliegt nie allein.“ Neben Gabriele muss es andere Verräter geben. Man weiß wenig über sie. Es heißt, es handle sich um eine Gruppe von fünf bis zwanzig Leuten, im Kern organisiert. Sie überlassen nichts dem Zufall. Sie haben es auf ganz bestimmte Dokumente abgesehen. Und sie riskieren ihre Karriere, ihr Ansehen, ihre Freiheit, damit diese geheimen Briefe den Weg in die Öffentlichkeit, den Weg zu uns finden. Dieses Risiko nimmt niemand einfach so auf sich. Die Raben wollen uns unbedingt etwas mitteilen. Bloß was? Was wollen sie uns glauben machen?

          Man muss einige Schritte zurückgehen, ins Jahr 2006, als Papst Benedikt den damaligen Erzbischof von Genua, Tarcisio Bertone, zu seinem Kardinalstaatssekretär ernennt. Das Staatssekretariat ist das wichtigste Amt in der Kurie, wer hier einzieht, wird zum zweitwichtigsten Mann im Vatikan und regiert die katholische Kirche. Benedikt holt Bertone zu sich, weil er ihn gut kennt und ihm vertraut. Sieben Jahre arbeiteten die beiden zusammen in der Glaubenskongregation, Benedikt als Leiter, Bertone als sein Sekretär. Die Ernennung Bertones zum Staatssekretär missfällt von Anfang an. Bertones Vorgänger hatte viele Anhänger in der Kurie - sie alle sehen nun ihren Einfluss schwinden und kämpfen gegen Bertone um die Macht. Bertone gewinnt. Auf wichtige Stellen setzt er eigene Vertraute und konstruiert mit akribischer Perfektion ein Machtsystem um sich herum.

          Eine ganz schlechte Figur

          Weil sie nicht wissen, wie sie Bertone stoppen sollen, wenden sich seine Feinde an den Papst. Die italienischen Zeitungen berichteten, wie sich drei Kardinäle vor einem Jahr in die päpstliche Sommerresidenz aufmachten, um Benedikt während eines Mittagessens ihre Bedenken über den neuen Staatssekretär vorzutragen. Andere versuchen, über den Privatsekretär Georg Gänswein einen Termin beim Papst zu bekommen. Wieder andere schreiben lange Briefe an den Papst. Auf die Kritik an Bertone antwortet der Papst oft mit diesem Satz: „Wir sind ein alter Papst.“ Er will nicht durchgreifen. Wahrscheinlich ist ihm die Freundschaft zu Bertone zu wertvoll. Vielleicht ist es auch Machtkalkül. Mit einem alten Vertrauten an seiner Seite hat Benedikt die Kurie am besten unter Kontrolle.

          Sechs Jahre warten Bertones Feinde vergeblich auf eine Reaktion des Papstes. In einer Art Schockstarre schauen sie zu, wie ihnen die Macht langsam entgleitet. Anfang 2012 regen sie sich endlich. Sie organisieren sich, sammeln alles, was Bertone in ein schlechtes Licht rücken könnte, Briefe, Faxe, Aktennotizen, und schmuggeln es über die Mauern des Vatikans. Sie wollen nicht einen einzigen lauten Knall, sondern dosieren die Enthüllungen, mal bekommt die Redaktion von „La Repubblica“ einen Brief zugespielt, mal „Il Fatto“. Vieles, was da nach und nach ans Tageslicht kommt, ist Kleinkram, einiges wohl unwahr. Aber einige Briefe gehören zusammen, wie Puzzleteile. Man muss nur lange genug warten, dann ergeben sich daraus allmählich drei Bilder. Auf allen dreien ist Bertone mit anderen zu sehen. Er gibt jeweils eine ganz schlechte Figur ab.

          Da ist einmal das Bild mit dem damaligen Erzbischof von Mailand, Dionigi Tettamanzi. Der Erzbischof ist gleichzeitig Präsident des Toniolo-Instituts, das die Finanzen der katholischen Universitäten und der päpstlichen Poliklinik Gemelli in Rom kontrolliert. In einem Brief vom 24. März 2011 eröffnet ihm Bertone, der Heilige Vater wolle ihn als Präsidenten absetzen. Er nennt auch grad den Nachfolger, den der Papst angeblich für den Posten vorgesehen hat - einen Bertone-Mann. Tettamanzi kann das nicht glauben und wendet sich wenige Tage später in einem Brief direkt an den Papst: „In bester Kenntnis des charakterlichen Gleichmuts und der Feinheit des Wesens Ihrer Heiligkeit und im ungetrübten Wissen, immer für das Wohl des Instituts und der heiligen Kirche gehandelt zu haben...kommen in mir tiefgreifende Zweifel an dieser letzten Anordnung und daran auf, was direkt Ihrer Person zugeschrieben wird.“ Der Papst interveniert umgehend und belässt Tettamanzi auf seinem Posten.

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