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„Vatileaks“ : Mal angenommen...

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Aber man muss gar keine Gedankenspiele anstrengen, um Risse in den uns vorgeführten Bildern zu finden. Zum Beispiel im Bild mit Ettore Gotti Tedeschi: Als der Chef der Vatikanbank IOR im Mai entlassen wurde, waren die Meinungen schnell gemacht: Bertone ging Gotti Tedeschis Saubermachen zu weit, deshalb warf er ihn raus. Dass es auch anders gewesen sein könnte, belegt ein Schreiben des stellvertretenden Chefs der Bank, Ronaldo Schmitz, an Bertone. Darin droht Schmitz mit seinem Rücktritt, sollte sein Chef nicht bis Ende Mai abberufen werden.

Schmitz ist nicht irgendein Banker. Er saß lange Jahre im Vorstand des deutschen Chemiekonzerns BASF. Danach wechselte er in den Vorstand der Deutschen Bank. Schmitz schrieb in seinem Brief an Bertone auch, Gotti Tedeschi verfüge nicht über die „nötigen Qualitäten“, die Vatikanbank zu leiten. Und Paolo Cipriani, IOR-Generaldirektor, sagte der Zeitung „Corriere della sera“, Gotti Tedeschi sei „als Präsident abwesend“ gewesen. Das war er ja auch oft, weil er neben seinem Job bei der Vatikanbank immer noch seine alte Position als Italienchef des spanischen Bankhauses Santander behielt. Und warum nicht die offizielle Mitteilung zur Entlassung des Vatikanbankchefs einfach als das nehmen, was es ist: ein einstimmiges Misstrauensvotum des Verwaltungsrats an Gotti Tedeschi? Ist es wirklich wahrscheinlich, dass sich die Männer das von Bertone haben einflüstern lassen? Dass Bertone eine Art Gehirnwäsche betrieben hat? In der Mitteilung heißt es mit brutaler Offenheit, Gotti Tedeschi habe „verschiedene Aufgaben von größter Wichtigkeit für sein Amt nicht erledigt“. Einen weiteren kleinen Riss bekommt das Bild von der vatikanischen Intrige durch die Tatsache, dass gegen Gotti Tedeschi immer noch Ermittlungen wegen des Verdachts auf Geldwäscherei laufen. Vielleicht war Gotti Tedeschi einfach der falsche Mann, unfähig, die Bank an die internationalen Anforderungen der Transparenz anzupassen.

Seit dreißig Jahren im Vatikan

Die Raben wollen uns aber nicht nur dazu bringen, Bertone unsympathisch zu finden. Sie wollen in uns auch das Gefühl wecken, der Papst sei ein schwacher Führer, zu gutgläubig und naiv, um die Ränkespiele seines Staatssekretärs zu durchschauen. Zu höflich und schöngeistig, um mal hart auf den Tisch zu hauen. Immer wieder melden sich die Raben in italienischen Zeitungen anonym zu Wort, sie wollten dem Papst helfen. Nichts anderes treibe sie an als der Wunsch, die Position des Papstes zu stärken. Dementsprechend war in vielen Artikeln der letzten Wochen zu lesen, der Papst habe seinen Kirchenstaat nicht mehr unter Kontrolle. Er sitze lieber in seinem Studierzimmer und schreibe Essays, als sich um das politische Alltagsgeschäft zu kümmern. Sicher, Papst Benedikt ist mehr Theologe als Politiker. Und während seines Pontifikats folgte eine Krise der nächsten, er brüskierte Juden, Muslime und nicht zuletzt viele Katholiken.

Aber egal, wie man zu dem steht, was er macht und sagt - Schwäche und mangelndes Machtkalkül kann man ihm kaum vorwerfen. Schließlich lebt (und überlebt) er bereits seit dreißig Jahren im Vatikan, und das nicht schlecht. Als einer der jüngsten Kardinäle gelang es ihm, in der Hierarchie der Kurie kontinuierlich aufzusteigen. Sein Amt als Leiter der Glaubenskongregation führte er mit derart harter Hand, dass die Italiener ihn nur noch den „Panzerkardinal“ riefen. Und 2005 stand er plötzlich ganz oben, hatte alle anderen abgehängt. Das will was heißen im Vatikan, wie wir jetzt alle wissen.

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