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„Vatileaks“ : Mal angenommen...

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Ein Schreiben voller Bitterkeit

Auf dem zweiten Bild ist der hagere Erzbischof Carlo Maria Viganò zu sehen, Verwaltungssekretär im Vatikan. Im Frühjahr 2011 schickt er mehrere seitenlange Memoranden an Bertone und an den Papst, in denen er sie auf Misswirtschaft und Amtsmissbrauch im Vatikan hinweist. Er offenbart im Detail, wie korrupte Kurienmitarbeiter vatikanisches Vermögen verschleudern. Etwa indem sie Bauaufträge immer an die gleichen Unternehmen vergeben, die überhöhte Preise verlangen. Er klagt die Mitarbeiter an, nennt sie beim Namen, will aufräumen. Und dann, in einem Brief vom 8. Mai 2011 an Bertone, wundert sich Viganò, dass der Staatssekretär ihm plötzlich so feindlich gesinnt ist. Er wehrt sich auch, schreibt, er werde Bertones „schwere Verleumdungen“ nicht auf sich ruhen lassen, sondern seinen „guten Ruf“ verteidigen. Bertone versetzt Viganò gegen dessen Willen im Oktober 2011 als Botschafter in die Vereinigten Staaten von Amerika. In einem bitteren Brief an den Papst beschwert sich Viganò, Bertone habe verhindert, dass er, Viganò, seine Bemühungen gegen Korruption und Amtsmissbrauch fortführen könne.

Auf dem dritten Bild ist eine ganze Reihe von Leuten zu sehen. Da sind einmal Ettore Gotti Tedeschi, Chef der Vatikanbank IOR, und Kardinal Attilio Nicora, Leiter der neu eingeführten Anti-Geldwäsche-Behörde. Beide haben vom Papst die Aufgabe erhalten, die Bank transparenter zu machen. Noch diesen Sommer entscheiden Experten des Europarats, ob das IOR den internationalen Standards genügt und in die „weiße Liste“ aufgenommen wird. Es wäre schlecht fürs Geschäft, sollten die Experten das IOR nicht auf ihrer Liste wollen. Dann ist auf dem Bild noch Giuseppe Dalla Torre, Gerichtspräsident des Vatikans. Bertone fragt ihn in einem Brief, ob die neue Behörde gegen Geldwäsche auch rückwirkend arbeiten darf. Er fürchtet, dass Geheimnisse aus der Vergangenheit gelüftet werden könnten. Am 15. Oktober 2011 bekommt er die erhoffte Antwort: Nein, muss sie nicht. Ein Schreiben von Attilio Nicora an Gotti Tedeschi zeigt, wie enttäuscht der Leiter der neuen Behörde über diesen Entscheid ist. Voller Bitterkeit schreibt er, dass diese Heimlichtuerei das „Ansehen des Heiligen Stuhls schwer beschädigen“ werde.

Was wollen die Raben uns mitteilen, indem sie uns diese Bilder von Zerwürfnis, Intrige und Enttäuschung vor Augen führen? Was ist ihnen so wichtig, dass sie dafür fast alles, was sie haben, riskieren? Die Antwort ist einfach: Wir sollen glauben, dass der Staatssekretär Tarcisio Bertone erstens ein hinterhältiger, machtgieriger Strippenzieher ist, der sogar seinen alten Vertrauten Papst Benedikt hintergeht, um seine Männer in wichtige Schlüsselpositionen zu bringen. Zweitens sollen wir in Bertone einen Mann sehen, der Vetternwirtschaft, Korruption und Mauscheleien im Vatikan schützt. Der womöglich mit mafiosen Bauunternehmern unter einer Decke steckt. Drittens wollen die Raben uns unbedingt weißmachen, dass Bertone Benedikts Ziel, die Vatikanbank in ein sauberes Institut zu verwandeln, von Anfang an torpediert.

Vielleicht war Tedeschi einfach der falsche Mann

Tatsache ist, dass niemand richtig weiß, wie es im Vatikan zu und hergeht. Tatsache ist auch, dass es neben den veröffentlichten geheimen Dokumenten Tausende unveröffentlichte gibt, die alle auch eine ganz eigene Geschichte erzählen könnten. Ein kleines Gedankenspiel: Mal angenommen, die Raben sind typische Karrieristen, die mit der Ernennung Bertones zum Staatssekretär vor sechs Jahren ihre Felle davonschwimmen sahen. Weil Bertone das tat, was jeder Staatssekretär vor ihm auch tat: eigene Leute installieren. Dann wäre die ganze Enthüllungsaktion nichts weiter als profanes Mobbing. Dann gäbe es vielleicht Briefe von Bertone an den Papst, in denen er sich über die Finten und Seitenhiebe seiner Untergebenen beschwert. Und wären anstelle der jetzt bekannten Dokumente diese Briefe den Zeitungen zugespielt worden, stünde Bertone nun als Opfer und nicht als Täter da.

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