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Vatikan : Wo krächzen die Raben?

  • -Aktualisiert am

Papst Benedikt XVI. im „Papamobil“ auf dem Petersplatz; meist in seiner Nähe ist Domenico Giani (v.r.), der Sicherheitschef des Vatikans Bild: action press

Seit Monaten geraten immer wieder vertrauliche Dokumente vom päpstlichen Staatssekretariat an die Presse. Wer sie lanciert, ist weiterhin unklar - und die Arbeit der „Häscher“ des Vatikans schwierig.

          Wahrscheinlich gehört Domenico Giani nach dem Papst zu den weltweit bekanntesten Menschen aus dem Vatikan, auch wenn nur wenige seinen Namen kennen. Der promovierte Pädagoge ist Chefleibwächter von Benedikt XVI., beschützt ihn auf dem Petersplatz und auf Reisen. So sahen schon Millionen Menschen den großen breitschultrigen Mann mit Glatze „live“ neben dem „Papamobile“.

          Zurzeit aber ist Giani als „Generalinspekteur des Gendarmeriekorps“ gefragt. Der 1962 geborene Familienvater aus Arezzo in der Toskana versieht seit bald sechs Jahren dieses Amt als Leiter der Vatikanpolizei und macht Jagd auf die „Raben“, die in den vergangenen Monaten immer wieder vertrauliche Dokumente vom päpstlichen Staatssekretariat an die Presse lanciert haben. „Der Doktor“, wie ihn seine Mitarbeiter nennen, arbeitet dabei mit der päpstlichen Staatsanwaltschaft zusammen.

          Die päpstliche Gendarmerie, zu der 130 Mann gehören, ist mit ihren modernen dunkelblauen Uniformen und gleichfarbigen Schirmmützen weniger auffällig als die Schweizergarde. Sie erscheint auch wie im zweiten Glied. Denn wer auf dem Weg zum Papst über den offiziellen Eingang in den Vatikanstaat das „Anna-Tor“ durchschreitet, stößt zunächst auf Soldaten der Garde; zu dieser gehören 110 Mann aus der Schweiz, die seit mehr als 500 Jahren in ihren traditionellen Uniformen die persönliche Schutzgarde des Papstes und seines Palastes darstellen.

          Erst dahinter kontrollieren die Gendarmen das „Anna-Tor“. Diese „Sbirren“ des Papstes versehen sogar schon seit 600 Jahren ihre „Häscher“-Dienste und waren im Mittelalter im mittelitalienischen Papststaat von der Adria bis zum Tyrrhenischen Meer gefürchtet.

          Vertrauter des Papstes unfähig und korrupt?

          Dass kürzlich zwei Personen aus der ersten Abteilung des Staatssekretariats von Tarcisio Kardinal Bertone, dem zweiten Mann hinter Benedikt XVI., als mögliche Geheimnisverräter ausgemacht wurden, will Chefgendarm Giani nicht bestätigen. Das hatte jetzt die italienische Presse berichtet, die immer wieder ausführlich auf die Versuche „Unbekannter“ eingeht, den weiterhin als „Vertrauten des Papstes“ geltenden Bertone durch Indiskretionen als unfähig und korrupt darzustellen.

          Papst Benedikt XVI. am Tisch mit den italienischen Kardinälen Angelo Sodano (l.), Tarcisio Bertone (2.v.r.) und Giovanni Battista Re

          Giani wehrt sich auch gegen die Darstellung, die Vatikanpolizei schneide auf der Suche nach den „Raben“ die Gespräche mit, die über die Diensttelefone geführt werden, und höre sie stichprobenartig ab. Das hatte kürzlich ein gemeinhin bestens informierter Monsignore am Heiligen Stuhl aus angeblich eigener Anschauung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtet.

          „Das ist Verleumdung und Geschwätz“, sagt Giani dazu und verliert für einen Moment sein Lächeln. „Am Heiligen Stuhl werden keine Gespräche abgehört. Das widerspräche unseren moralischen Grundsätzen des Respekts vor der Privatsphäre und den Gesetzen des Vatikans. Und wir können es auch nicht.“

          Hacker greifen Website des Vatikans an

          Das bestätigt Pater Fernando Vérgez, ein spanisches Mitglied vom Orden der „Legionäre Christi“. Der Pater aus Salamanca ist Informatik-Liebhaber und wurde 2008 im Alter von 59 Jahren vom Papst zum ersten Chef einer neuen Internet-Abteilung im Vatikan ernannt. Er muss dieser Tage die Internetseite des Vatikans gegen Hacker verteidigen. Die Seite www.vatican.va war auch am Montag wieder zeitweise nicht aufrufbar.

          Die Hackergruppe „Anonymous“ hatte kürzlich mitgeteilt, sie lege die Website aus Protest lahm: als Reaktion auf die Tötung von Ketzern und die Verbrennung von Büchern während der Inquisition sowie auf die Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch durch Priester.

          Vérgez ist aber als „Direktor für die Telekommunikation“ auch Chef-Telefonist im Vatikanstaat. Er sei „der einzige Priester“, der Zugang zur Telefonzentrale habe, wo 43 Techniker und Laien arbeiten. „Da gibt es keinen Monsignore, der Gespräche aufzeichnen und abhören könnte“, behauptet Vérgez.

          Dass eine amerikanische Sicherheitsgesellschaft im Vatikanstaat vor einigen Jahren das nötige „Know How“ für ein Abhören geschaffen habe, wie es besagter Monsignore der F.A.Z. Zeitung gesagt hatte, weist Vérgez zurück: „Diese amerikanische Firma gab es hier nicht. Ich habe nur für die Abrechnungen die Möglichkeit zu sehen, wie lange zum Beispiel jemand mit dem Ausland und in welches Land telefoniert hat.“

          „Geschwätz und Lüge“

          Das Gerede vom Abhören im Vatikan sei „Geschwätz und Lüge“, fügt er hinzu. Auf eine Frage nach seinem Orden sagt Vérgez, er fühle sich geehrt, das Vertrauen des Papstes zu haben, auch wenn die „Legionäre Christi“ durch „schwere Zeiten“ gingen.

          Vor Jahren war das Doppelleben des Ordensgründers Marcial Maciel aufgedeckt worden, der den Zölibat predigte, aber mehrere Kinder zeugte und sich an anderen verging. Seit 2010 leitet ein päpstlicher Delegat die Gemeinschaft, die „gereinigt“ werden und eine „neue Spiritualität“ erhalten soll.

          „Arbeiten in völliger Transparenz“: Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone

          Die Herren der Sicherheit halten sich im Hinblick auf ihre Suche nach den „Raben“ bedeckt. Derweilen heißt es aus dem Staatssekretariat Bertones, die in der Presse aufgetauchten Dokumente seien nicht mit denen identisch, die im Staatssekretariat lägen.

          Sowohl der vermeintliche „Bericht“ eines Deutschen, der bei einem Vortrag in Peking vom Erzbischof von Palermo gehört haben will, dass der Papst „nur noch ein Jahr hat“, oder briefliche Vorwürfe zum finanziellen Gebaren von Kardinal Bertone seien offenbar außerhalb der Mauern des Vatikans entstanden und würden wohl von dort weiter getragen, um vor allem Bertone zu schaden. Das erschwert die Arbeit der „Sbirren“ im Vatikanstaat - und so könnte es bald weitere Indiskretionen geben.

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