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Vatikan vollzieht Kurswechsel : Papst befürwortet Einsatz im Nordirak

  • -Aktualisiert am

Papst Franziskus im Gespräch mit Journalisten auf dem Rückflug von Südkorea Bild: dpa

Bislang galt Papst Franziskus als Diplomat. Doch die Gewalttaten der Terroristen des Islamischen Staats im Nordirak lösen in Rom einen Kurswechsel aus: Der Papst spricht sich für eine Militärintervention aus.

          Bisher hat sich Papst Franziskus stets gegen militärische Interventionen ausgesprochen und sich stets für rein diplomatische Wege der Krisenbewältigung eingesetzt. Jetzt aber vollzieht er angesichts der sektiererischen Gewalt durch die Terroristen des „Islamischen Staats“ (IS) und die Vertreibung von vielen zehntausend Menschen in Nordirak und Syrien, von Muslimen, Christen und Yeziden gleichermaßen, den Kurswechsel und billigt eine Militärintervention zur Verteidigung gegen die IS-Terrorgruppe.

          Auf dem Rückflug von Südkorea sagte er mitreisenden Journalisten: „In Fällen, in denen es eine ungerechte Aggression gibt, ist es legitim, den Angreifer zu stoppen“. Aber er unterstreiche „das Verb stoppen; nicht bombardieren oder Krieg führen“. So ein „Anhalten“ dürfe auch nicht von einzelnen Staaten ausgehen; hier müssten die Vereinten Nationen eine gemeinsame Lösung finden; denn „man sollte im Kopf behalten, wie oft mit der Entschuldigung, einen Angreifer zu stoppen, ein Eroberungskrieg begonnen wurde.“

          Damit geht der Papst auch auf die Wünsche der Gesprächspartner in der Region ein, die sein Sondergesandter Kardinal Fernando Filoni dieser Tage aufgesucht hat. Die von den Dschihadisten besetzten Orte im Nordirak müssten nicht nur befreit, sondern die Bevölkerung müsse nach ihrer Rückkehr vor neuerlichen Angriffen der Terrormiliz geschützt werden, stellte Filoni am Dienstag in einem gemeinsamen Aufruf mit Patriarch Louis Raphael I. Sako fest, dem Oberhaupt der in ihrer Heimat schon fast ausgelöschten chaldäisch-katholischen Kirche.

          Filoni ist eigentlich Präfekt der Kongregation zur Evangelisierung der Völker; er gilt aber als Kenner der Krisenregion, weil er von 2001 bis 2006 als Nuntius in Bagdad diente. Filoni beschrieb die schwierige Lage der vielen zehntausend Flüchtlinge in Erbil, die bei hohen Temperaturen bis zu 48 Grad Celsius fern ihrer Heimat leiden müssten. Die Flüchtlinge müssten mit internationaler Unterstützung mit Wasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten versorgt werden, forderte der Sondergesandte des Papstes. Vor seinem Rückflug wollte Filoni am Dienstag noch Iraks Präsident Fuad Massum eine Botschaft des Papstes übergeben. 

          Vatikan will Dialog mit Muslimen überdenken

          Zu der radikalen Kurswende des Vatikans gehört auch, dass der Heilige Stuhl den Dialog mit dem Muslimen überdenken will, sollten die „Exponenten des interreligiösen Dialogs, insbesondere die muslimischen“ nicht „einmütig und ohne Zweideutigkeit die Verbrechen“ der Gruppe verurteilen, die zu Beginn des Ramadan im Juni das „IS-Kalifat“ über Irak und Teile des historischen Großsyriens verhängten und seitdem alle verfolgen, die nicht ihrer sektiererischen Auslegung der Scharia gehorchen. Kardinal Jean-Louis Tauran, Chef des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog und Leiter der Kommission für die Beziehungen zu den Muslimen machte kürzlich in einer amtlichen Erklärung die Fortsetzung des Dialogs von der eindeutigen Verurteilung der „unsäglichen kriminelle Handlungen” abhängig, durch die „die Glaubwürdigkeit der Religionen, ihrer Anhänger und Oberhäupter auf dem Spiel“ stehe. „Kein Grund”, erst recht kein religiöser, könne „eine solche Barbarei rechtfertigen”, schrieb Tauran laut Radio Vatikan.

          Unverblümt listete Tauran die Verbrechen des „IS” auf: Massaker an Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit; die „grauenhafte Praxis der Enthauptung, der Kreuzigung und des Aufhängens von Leichen an öffentlichen Plätzen”; die erzwungene Wahl für Christen und Yeziden, zu konvertieren, eine bestimmte Steuer zu zahlen oder zu flüchten; und damit die Vertreibung „vieler zehntausend Menschen”; die Entführung christlicher und yezidischer Frauen „als Kriegsbeute”; die „barbarische Praxis” der Genitalverstümmelung an Frauen; die Zerstörung christlicher und muslimischer Kultorte; die Besetzung und Entweihung von Kirchen und Klöstern; die Zerstörung christlicher und anderer religiöser Symbole; und die „niederträchtige Gewalt mit dem Ziel, die Menschen zu terrorisieren und sie zu zwingen, sich auszuliefern oder zu flüchten”.

          Appell an islamische Religionsvertreter und UN

          Christen und Muslime hätten über Jahrhunderte mit Höhen und Tiefen nebeneinander gelebt und auch in der Krisenregion eine Zivilisation geschaffen, „auf die sie stolz sind”, schrieb Tauran. Auf dieser Grundlage habe sich in den vergangenen Jahren auch der christlich-muslimische Dialog zwischen katholischer Kirche und Islam entwickelt. Nun müsse die „einstimmige Verurteilung“ dieser Verbrechen bezeugen, dass die meisten islamischen Institutionen in Religion und Politik das „IS-Kalifat“ ablehnen. Die Religionsvertreter müssten darauf hinwirken, dass die Verbrechen aufhören, die Täter bestraft werden und in den Krisengebieten ein Rechtsstaat entstehe.

          Nur Stunden vor seiner Reise nach Südkorea hatte der Papst UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zum Schutz der Christen und anderer religiöser Minderheiten im Nordirak aufgerufen. Die UN müsse handeln, „um die humanitäre Katastrophe zu beenden“. Franziskus hatte alle UN-Organe ermutigt, ihre Anstrengungen in Übereinstimmung mit der UN-Charta fortzuführen. Zu „konkreten Handlungen der Solidarität“ zählt der Papst den Schutz vor Gewalt und Vertreibung sowie Hilfe für die Vertriebenen, denen „auch eine sichere Heimkehr garantiert werden“ müsse. Schon in diesem Brief deutete sich an, dass der Papst Gewalt gegen einen Angreifer nicht mehr ausschließt. Sein ständiger Vertreter bei den UN-Organisationen in Genf, Erzbischof Silvano Maria Tomasi, sprach sich schon vor Tagen für ein bewaffnetes Eingreifen aus; und der derzeitige Nuntius in Bagdad, Erzbischof Giorgio Lingua, soll Filoni davon überzeugt haben, dass diesmes Mal selbst der Vatikan für den Waffengang eintreten müsse.

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